Beim nächsten Buch wird alles anders.

Imajinecritureautomatique2ch habe ein Déjà-vu. Gestern sass ich mit Frau Pie am Tisch, wir redeten über diesen Blog und sie sagt: „Das einzige, was ich nicht mag, ist der November, wenn du wieder die Wortpeitsche schwingst!“ Genau so hat sie das nicht gesagt, sondern schöner, besser, aber es war schon spät. Ich weiss es nicht mehr. Also lege ich ihr meine Worte in dem Mund und frage mich im selben Moment, ob das schon Literatur ist. Darüber haben wir auch gesprochen: Über den Unterschied zwischen der privaten Mail, in der ich ihr von meinen Erlebnissen an der Hörspielnacht erzählte, und dem Blogeintrag zum selben Thema. Diesen Unterschied nannte sie: „Literatur.“ Wie gesagt, es war spät.

Erst am nächsten Morgen fahre ich nachhause, also heute, jetzt. Kaum sitze ich im Zug, klappe ich meinen Reisecomputer auf, um wenigstens zu versuchen, mein Wortsoll einzuholen, dem ich seit ein paar Tagen hinterherhinke. Nanowrimo, Kolumnen, Morgengeschichten, Lesungen, Wäscheberge und angeschlagene Gesundheit: „It’s like déjà-vu all over again!“ Das soll Yogi Berra gesagt haben, der gar kein Yogi war, sondern ein berühmter Baseballspieler. Der allerdings auch gesagt hat: „I didn’t really say everything I said.“ 

Die Eckpfosten meines Schreibens sind also immer dieselben: So viele Worte, so wenig Zeit! Rinse and repeat! Doch das wilde Netz, das ich schreibend zwischen diesen offenbar unverrückbar in meinen Alltag zementierten Pfosten spanne, ist immer wieder ein ganz anderes. Mein Gefühl dabei ist ein ganz anderes. Doch wie erzähle ich das?  Wie beschreibe ich es? Ob man das Schreiben wirklich beschreiben kann, hätte ich mich vielleicht auch früher schon mal fragen können. Jetzt ist es zu spät. Der Zug fährt ab, meine Finger galoppieren über die Tastatur, der doppelte Espresso, den ich mir am Stand geholt hatte, wird kalt. Ich schreibe einen Traum auf, ich beschäftige mich mit der Frage, was normal ist, konkret, was ein normales Frühstück ist. Ein Bier, ein Hotdog? Ein Schokoladeriegel, ein doppelter Espresso? Eine Zigarette? Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die ich an diesem Sonntagmorgen früh um zehn am Hauptbahnhof Zürich beobachtet habe, auf Gleis dreizehn. Auch darüber haben wir uns gestern unterhalten, über durchgefeierte Nächte, Schlafen bis in den nächsten Abend hinein. Einer der Gäste am Tisch hatte sich ein Frühstück bestellt, während wir zu Abend assen. Und während wir diskret ermatteten, wurde er erst richtig wach. Ich versinke im tröstlichen Klappern der Tasten, das mich hier und dorthin trägt, ohne Ziel, ohne Sinn, es ist so einfach. Das einzige, was mich die Erfahrung gelehrt hat, ist das: Je weniger ein Text muss, desto mehr wird er.

Dann höre ich die Worte: „Nächster Halt, Olten!“ und schrecke auf. Der Zug hält an. Es regnet in Strömen. Durch den Wasservorhang sehe ich das blaue Schild, auf dem „Aarau“ steht. In Aarau wohne ich. Also steige ich aus. Ich könnte auch in Olten sein, wie es die Lautsprecherstimme behauptet. Aber ich bin es nicht. Ohne Schirm gehe ich durch den strömenden Regen nachhause. Dort greife ich auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Literatur sei, zu dem Buch „Die Mitternachtskrankheit“ von Alice B. Flaherty. Eine seltene Form der Schläfenlappenepilepsie? Ich klappe das Buch wieder zu und den Computer auf.

 

 

 

 

 

Über die neuesten Blogbeiträge informiert bleiben

  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Leser-Interaktionen

12 Kommentare

Kommentare

  1. Regula Horlacher meint

    Endlich! Es ist November, und ich habe Zeit.
    Zeit, um eine 24-teilige Weihnachtsgeschichte für einen Adventskalender zu schreiben.

    Im Oktober 2007 meldete ich mich bei der Migros-Klubschule für einen Kurs in kreativem Schreiben an, weil ich eine 24-teilige Weihnachtsgeschichte für einen Adventskalender brauchte. Der Besuch dieses Kurses hatte so zahlreiche, so weitreichende und so tiefgreifende Folgen, dass die Adventskalendergeschichte darüber völlig in Vergessenheit geriet.
    Nun will ich das Versäumte nachholen und gleichzeitig ein noch älteres Versprechen einlösen.
    Im letzten Seminarjahr malte ich im Rahmen eines Abschluss-Projektes fünf Bilder für ein Bilderbuch. Weiter kam ich nicht, aber der Zeichenlehrer sah es mir nach, und machte mir, unter der Bedingung, dass ich ihm zusicherte, das Projekt ganz bestimmt zuhause noch abzuschliessen, trotzdem die gute Note, von der ich glaubte, ich hätte sie verdient. Ich schloss das Projekt nie ab. Noch heute liegen die fünf Bilder, sorgfältig in Seidenpapier und Plastik verpackt, auf dem Estrich, und noch immer versetzt mir der Gedanke an das nicht eingehaltene Versprechen einen leisen Stich. Ich log nicht damals. Mit der trotzigen Sicherheit meiner zwanzig Jahre, war ich fest davon überzeugt, das Bilderbuch fertigzustellen. Ein Bilderbuch zu machen, war schon immer mein Traum gewesen. Ich mochte den Zeichenlehrer nicht, ich war drei Jahre lang mit ihm auf Kriegsfuss gestanden, doch das Projekt hatte ich zu meinem eigenen gemacht. Es hätte mit dem Lehrer nichts zu tun, glaubte ich. Mein schlechtes Gewissen galt nicht ihm, sondern mir selbst.
    Ich weiss nicht, warum ich es nicht schaffte. Am Zeitmangel lag es nicht, ich war im ersten halben Jahr nach dem Seminar arbeitslos. Und es fehlte ja auch nicht mehr viel, nur noch das sechste Bild und der Text. Heute denke ich, es war der Text, an dem ich scheiterte. Ich wusste einfach nicht, wie man so etwas anpackt. Mir fehlte die Sprache dafür. Und die Erfahrung.
    Natürlich will ich nicht jetzt, nach dreissig Jahren, doch noch das letzte Bild malen und einen passenden Text schreiben, nur dass endlich Ordnung ist. Das fände ich denn doch ein wenig neurotisch, und langweilen würde es mich auch. Aber mir ausdenken, was einen kleinen grauen Vogel wie den, der auf den fünf Bildern die Hauptrolle spielt, so umtreiben könnte, das will ich schon. 24 Tage lang.
    Am vergangen Sonntag zum Beispiel ist er versehentlich in einen Zug eingestiegen. „Nächster Halt Olten!“ heisst der letzte Satz der Tagesgeschichte vom dereinst 6. Dezember.

    Ist das nun Magie, Literatur, Schläfenlappenepilepsie oder blosser Zufall? Nur Eines ist sicher: Es ist eine Tatsache.
    In zwei Texten, die mehr oder weniger gleichzeitig, jedoch unabhängig voneinander in zwei verschiedenen Gehirnen, an zwei verschiedenen Orten entstanden sind, geht es im letzten Abschnitt um jemanden, dem/der, nachdem er/sie die Information „Nächster Halt Olten!“ bekommen hat, klar wird, dass er/sie den Zug unverzüglich verlassen muss.

    Lustig, und ein bisschen verwirrend –

    Mit lieben Grüssen
    Regula

  2. Hans Alfred Löffler meint

    Ich erfreue mich des alten schriftlichen Bekenntnis „Das Veröffentlichen pornographischer Schriften ist mit den Grundsätzen humanistischer Bildung nur schwer vereinbar.“ (Seite 50 aus dem Buch MÖCHTEGERN von Milena Moser mit Signatur am 10. Februar 2010)
    Und freue mich auf das Neue, und vielen Dank für alle Deine lehrreichen Bücher und Texte mit denen Du mein Leben bereicherst (wobei ich Olten schon 4 x durchraste in den letzten paar Tagen und immer an die schönen Schneeberge denken musste die Du dort schon gesehen und blogisiert hattest).

An der Diskussion teilnehmen

Hier können Sie Ihren Kommentar schreiben. Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * bezeichnet.