(Den) Preis (durch)geben

Das bin ich. Vor etwa einem halben Jahr, am Geburtstag einer Freundin. Doing the YMCA. Etwas gschtabig, etwas neben dem Rhythmus, aber sehr fröhlich. Und in bester Gesellschaft. Warum zeige ich das hier?

Aus reinem Trotz. Es geht um das Preisgeben. Komisches Wort. Preis geben. Was für einen Preis? Von was? An wen? Immer wieder ist das ein Thema, das mit dem Preisgeben, vor allem in den letzten Wochen. Ich hatte wieder vermehrt Medienauftritte, die aber keine wirklichen Auftritte sind. Ich bin einfach ich. Ob ich zuhause unter dem Bett oder auf dem Sofa liege, ob ich schreibe oder unterrichte oder vorlese oder Fragen beantworte. Das Leben ist anstrengend genug, ohne dass ich zu unterschiedlichen Anlässen unterschiedliche Rollen spiele. Und wer keine Rolle spielt, kann auch aus keiner fallen. Mir scheint das ganz vernünftig. Doch ich werde so oft darauf angesprochen („du bist immer dieselbe“, „du bist gar nicht anders, als ich dich kenne“), dass es wohl doch eher aussergewöhnlich ist. Sich selbst zu sein.

Ja, wer soll ich dann sonst sein?

„Warum tust du das?“, fragt man mich. „Warum gibst du dich dermassen preis?“ (Aha! Was? Mich also!) Auch Patrick Rohr hat während der Buchpräsentation diese Frage gestellt: Warum ich in diesem Blog so persönlich werde. Warum ich die Leute so nah an mich heranlasse. Und ich schwöre, ich verstand nicht, was er meinte. Der Gedanke, dass es in irgendeiner Form „schlecht“ oder von Nachteil sein könnte, mich selbst zu sein, kam mir nicht von alleine. Das klingt arrogant und naiv zugleich. Vor zweinundzwanzig Jahren ist mein erstes Buch erschienen, genau so lange schlage ich mich mit den Medien herum. Ich habe Journalisten bei mir zuhause bewirtet, einmal sogar einen Kuchen gebacken, nur um dann zu lesen, dass ich unter Essstörungen litte. Ich habe mich geweigert, für Fotos den Pullover auszuziehen – nebenbei bemerkt: Urteilt nicht über junge Schriftstellerinnen, die im Unterhemd posieren. Ich garantiere euch, sie kamen im Pullover zum Fototermin. Ich habe Fragen beantwortet wie: „Würden Sie lieber noch ein Mädchen gebären oder einmal ein wirklich gutes Buch schreiben?“ Ich lebe mit Dingen, die vor zwanzig Jahren über mich geschrieben wurden und schon damals nicht wahr waren und die trotzdem immer wieder abgeschrieben werden. Und trotzdem kam ich keine Sekunde lang auf die Idee, dass dieser Blog, der sich ja in erster Linie an andere Schreibende richtet, an die, die wissen wollen, wie so ein Buch entsteht, an die, die mitschreiben – dass dieser Blog also auch von Journalisten auf der Suche nach Munition geplündert werden könnte. Ziemlich dumm von mir, ich gebe es zu. Ziemlich naiv. Ich bin tatsächlich erschrocken, als sich ein Kritiker sich nicht über mein Buch lustig machte, sondern über meine Zeichenzahlen. Er wünschte sich, wie so viele vor ihm, es wären weniger. Es wären null.

Diesen Gefallen kann ich ihm leider nicht tun. Ich werde auch den Blog nicht aufgeben. Ich werde auch kein Medientraining absolvieren, keine Antworten einstudieren, in keine Rollen schlüpfen, ich werde vor Fototerminen nicht früher ins Bett gehen als sonst, ich werde einfach weiterhin mich selber sein. Zu allem anderem fehlt mir schlicht die Kraft. Ich habe  keine Lust dazu. Und weil noch kein Journalist gemerkt hat, dass ich nirgendwo mehr von mir preisgebe als in meinen Büchern, füge ich gleich noch einen Buchstaben dazu:

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Leser-Interaktionen

16 Kommentare

Kommentare

  1. Silvia meint

    Liebe Milena
    Ich bin weder Schreibende (wünschte mir aber, ich könnte es), noch munitionssuchende Journalistin. Dennoch fühle ich mich angesprochen von Deinen Texten (aus welchen Leben sie auch immer stammen). Sie geben mir immer mal wieder einen Kick, die Dinge von einer anderen Seite zu betrachten!
    Herzlichen Dank, Silvia

  2. Isabel meint

    @Milena
    Der Film ‚Wandlungen‘ (heute von mir in Brugg gesehen) berichtet von der persönlichen Suche einer Enkelin nach Lebensspuren ihres Grossvaters Richard Wilhelm, der neben anderern chinesischen Schriften das Weisheits- und Orakelbuch ‚I Ging‘ Anfang des letzten Jahrhunderts in Deutsch übersetzte. Richard Wilhelm ist zufällig der Schwiegervater meiner Grosstante (der Schwester meiner Grossmutter), und mich selbst begleitete dieses Buch in meiner Sturm- und Drangzeit (die andererseits immer noch nicht ganz vorüber ist). Schafgarbenstengelorakel – Tee – Räucherstäbchen – Meditation – nachtlange Gespräche, das gehörte alle zusammen.

    Das Wesentliche am I Ging ist: Aus den einfachen Elementen (wie Feuer, Wind, Holz etc.), dargestellt durch ganze oder einmal unterbrochene Linien, werden zunächst Trigramme, dann Hexagramme als Abbild von Lebens-Situationen gebildet, aus denen sich unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten ergeben. Die Interpretationen sind eine eigentliche Weisheitslehre.

    Wenn jemand ’sich selbst‘ ist, setzt sich das auch aus einer Fülle von Möglichkeiten zusammen, je nachdem, wo und mit wem er sich befindet. Rollenspiel ist also gar nicht notwendig…nur eine differenzierte Wahrnehmung des Betrachtenden.
    Für mich ist wesentlich an den ‚Montagskindern‘, dass die Sutren von Patanjali, die tatsächliche yogische Praxis und das Leben sich in einem gemeinsamen Reigen bewegen, eines zum Anderen gehört. Die Hauptpersonen sind weder von dem einen noch von dem anderen zu trennen, und nicht einmal voneinander, und schon gar nicht von der Autorin. Das ist doch weitaus persönlicher als alles Andere..und da liesse sich Stoff für ganz andere Fragen finden…

  3. Regula Haus-Horlacher meint

    Nun stecke ich also wieder mitten drin in der Geschichte von Rahel. Leider geht es in ihrem wirklichen Leben nicht so poetisch zu wie in diesem Blog: Sie ist nämlich nicht vom Wagen gefallen, sondern während ihrer Bergwanderung Kinn voran auf einen spitzigen Stein. Vorsichtig betastet sie die schmerzende, blaugrün verfärbte Schwellung. Harte, schwarze Haare bohren sich in ihre Fingerspitzen und in ihre Geschichte. Normalerweise rasiert sie sich jeden Tag, aber jetzt geht das nicht. Es ist peinlich, wenn eine Frau schwarze Haare am Kinn hat. Ist man überhaupt eine richtige Frau mit solchen Haaren?
    Als Kind wünschte sie sich oft, ein Junge zu sein, weil sie schon als ganz kleines Mädchen die fixe Idee plagte, jemand könnte denken, sie sei schwanger. Als Junge, dachte sie sehr logisch, hätte sie dieses Problem nicht.
    Vielleicht entwickelte man automatisch zu viel Testosteron, wenn man sich als weibliches Wesen wünschte, als Junge geboren worden zu sein, und dann wuchsen einem, wenn man erwachsen wurde, Haare am Kinn und an den Beinen. Zur Strafe.
    Rahel hatte ihre Grossmutter geliebt wie keinen anderen Menschen auf der Welt, aber die geraden Hängerkleidchen, die sie für sie nähte, hatte sie gehasst. Aber kann man, wenn man gerade mal sieben Jahre alt ist, seiner Grossmutter sagen, sie solle einem doch bitte Kleider mit Taille nähen, damit niemand auf den Gedanken komme, man sei schwanger?! Nein, das kann man nicht.

    • Silvia meint

      Schade haben sich Rahel und andere Montags-Kinder nicht schon in ihrer Kindheit getroffen. Das Rigikind hätte sich nicht so anders gefühlt. Ein Montags-Mädchen, welches immer als Junge angesehen wurde und sich so sehr wünschte, dass niemand merkte, dass es ein Mädchen war. Es gab für dieses überlange Kind nichts schlimmeres, als geoutet zu werden als „ein-Mädchen-das-für-einen-Junge-gehalten-wird-aber-so-gerne-wie-ein-Mädchen-aussehen-würde“. Wenn das bemerkt wurde, hatte das Montags-Kind immer die Bestätigung zuwenig zart, verletzlich, zu mädchenunwürdig zu sein. Dann schon lieber als hübscher Junge durch die Spielplätze tollen!

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Silvia – sie treffen sich nicht, weil sie sich verstecken. Sie tun alles, um nicht aufzufallen. Du hast das sehr schön beschrieben, und ich denke, da liegt auch der grosse, späte Trost, im Aufschreiben!

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Ja, liebe Silvia, ich bin ganz deiner Meinung, es wäre bestimmt einfacher gewesen für uns, wenn „Wir Montagskinder“ uns früher begegnet wären. Aber je nun – besser spät als nie.
      Auch ich finde deinen Beitrag über das Rigikind wunderschön! Probier’s doch einfach mal, das mit dem Schreiben = )

  4. Karin meint

    That´s the spirit. Bleib wie du bist.
    Als ich Kind war, war der liebste Vorwurf meiner Mutter: Du machst nur was du willst? Und schon damals habe ich gedacht: Ja, was denn sonst?
    Alles Liebe Karin

    • Milena MoserMilena Moser meint

      Karin, Gise, Bea, Rosmarie, Ada und Maria: Ich danke euch. Natürlich ist mir auch mein virtueller Ausbruch im Nachhinein peinlich – hab ich etwa nach Komplimenten gefischt? Bestätigung gesucht? Egal. Schön, dass es euch gibt. Danke!
      Milena

    • Karin meint

      Ich glaube nicht das du nach Komplimenten gefischt hast, sie sind wohl eher als Beifang zu betrachten *veg*
      Heute Abend gehe ich mit den Montagsmenschen ins Bett. Feedback kommt bald. Alles Liebe Karin

  5. Gise Kayser-Gantner meint

    … zur nächsten Feier will ich eingeladen werden!
    Tja, die guten Medienleute. Glauben immer, sie müssten noch was entdecken, was nicht zu sehen ist. Du bist mutig. Und Mut tut gut in einer Welt der Camouflage! Bis man endlich die „Normalschichten“ in einem Gespräch abgerieben hat, um bei der Person des Gegenübers anzukommen – soviel Zeit nehmen sich die meisten gar nicht mehr … und sie leben dann mit Bildern von Bildern, aber selten mit realen Personen.
    Übrigens, hübsche Farbe – das Kleid, muss ich gleich mal an Inga oder der unglaublichen Guranda Lomsade, die gerade Männer verwirrt, ausprobieren. Bisher trug sie einen schwarzen engen Seidenpullover …

  6. Flohnmobil meint

    Ein Blog ist doch die allerbeste Methode, genau so viel über sich preiszugeben, wie man bereit dazu ist. Das darf ruhig auch mal augenzwinkernd sein, wenn es der Sache dient, kann man der Wahrheit etwas nachhelfen.
    Ein Blog befreit, macht Freude und schafft neue Kontakte.
    Ich will nie mehr keine Bloggerin sein!
    Herzliche Grüsse, Bea

  7. Rosmarie Grünig meint

    Wunderbar dass es deinen Blog gibt, so wie er ist.Habe eben Montagsmenschen fertig gelesen.Bin sehr berührt und bewegt .Habe mich und Menschen in meinem Umfeld in deinen Figuren wiedererkannt.Fühle mich zum ersten mal nicht so alleine mit meinen Gedanken nachdem ich den Blog entdeckt habe und das Focus-Gespräch gehört habe.Ich lese ihn weil er so persönlich ist. Deshalb nehme ich mir die Zeit und den Mut und schreibe hier meinen ersten Kommentar in einem Blog.Auch Montagsmenschen ist das erste Buch das ich von dir gelesen habe.Es wird nicht das Letzte sein.
    Das Buch mit dem wunderschönen Umschlag ziert jetzt meine Sofaumrandung.Ich werde ein Exemplar meiner Joga-unterrichtenden Kollegin schenken.Nun kennst du das Schicksal eines deiner Buch-Kinder.
    Rosmarie

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