Ein blauer Mond…

… ist etwas Seltenes. Dass der Mond im selben Monat zweimal voll wird, das kommt nur alle drei Jahre einmal vor, zuletzt am Freitag. An so einem blauen Mond soll man etwas tun, was man sonst nicht tut, und so stapfte ich zu einer Zeit, zu der ich sonst längst im Bett liege, durch den mittelländischen Nieselregen und besuchte ein Rockkonzert. Ich stand ganz vorne und warf begeistert die Hände in die Luft und zwischendurch dachte ich an das Lied „Blue Moon, you saw me standing there alone…“ Am nächsten Morgen war ich auf einem Ohr taub. Und am Abend darauf, als sich der Mond schon wieder abgewandt hatte, aber seine Wirkung offenbar noch in der regennassen Nachtluft hing, gab ich in einem Restaurant, das ich liebe, ein Schnitzel zurück. So etwas habe ich noch nie getan. Aber das Fleisch war nun mal nicht durchgebraten. Ohne mir viel zu überlegen, brachte ich es in die Küche zurück, freundlich, entschuldigend („ich bin da etwas neurotisch“ – ha!) Und der Koch grummelte: „Naja, du schreibst auch mal ein schlechtes Buch!“

Tatsächlich bin ich so neurotisch, dass der Abend für mich gelaufen war. Ich konnte mich kaum auf das Gespräch konzentrieren, war nur mit den verletzten Gefühlen des Koches beschäftigt, und noch am nächsten Morgen -heute – wachte ich mit dem Gedanken: Oh Gott, was habe ich getan!

Dabei habe ich ganz andere Probleme. Weil ich von den Einnahmen meiner Bücher nicht leben kann, Bestsellerliste hin oder her, habe ich in den letzten Jahren immer mehr Schreibkurse gegeben, was ich eigentlich sehr gerne tue, aber nicht in dieser Kadenz. Erst als ich dermassen erschöpft war, dass ich weder schreiben noch sonst etwas tun konnte, sondern nur noch wie ein ausgewrungenes Handtuch auf den Schultern eines ausgezählten Mittelgewichts lag, sagte ich die Kurse ab. Und sitze ich hier, statt zu schreiben, und überlege mir, wie ich wieder zu Geld komme. Der Verlag schickt ein Merkblatt über Facebook und Twitter mit dem Hinweis, man solle die Pflege dieser sozialen Medien fest in seinen Tagesablauf einplanen. Von der Schreibzeit abzwacken, mit anderen Worten. Das einfachste wäre natürlich, meine Bücher würden sich besser verkaufen. Oder ich könnte Kulturförderung beantragen, doch dafür bin ich zu kommerziell. Ich bin so kommerziell, dass ich nicht von meiner Arbeit leben, geschweige denn eine Familie ernähren, Studien finanzieren, Scheidungsanwälte bezahlen kann. Ich schaue zum Nachthimmel hinauf und frage den sich feige hinter den Wolken versteckenden Mond: Hast du bitte mal eine Idee?

Und schon liegt ein Brief von der Behörde im Kasten, mit der Ankündigung einer erneuten Steuerüberprüfung, der dritten in Serie. Wer an Zeichen glaubt, wird jetzt über das Balkongeländer klettern und runterspringen. Statt dessen setze ich mich wieder an den Tisch. Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe. Etwas Besseres fällt mir nicht ein.

Ich habe sechs Morgengeschichten und eine Kolumne vor mir. Und den Roman. Das halbgare Schnitzel wird irgendwo wieder auftauchen, genau so wie der treulose Mond. Und der Steuerprüfer. Was nirgendwo hinpasst, aber trotzdem schön ist, ist dieses Rilkezitat, das etwas willkürlich verhackstückt den Oberarm von Lady Gaga ziert:

„Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“

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10 Kommentare

Kommentare

  1. Regula Haus-Horlacher meint

    Blue Monday. Nein, eigentlich Sonntag. Wenn man am Wochenende gearbeitet hat, ist am Montag Sonntag. Oder viel mehr Samstag. Und am Dienstag wäre dann Sonntag. Nur, das habe ich festgestellt, zieht man den Sonntag besser vor, was man gehabt hat, hat man gehabt. Dass ich nach fünf Arbeitstagen im Altersheim einspringen muss, kommt selten vor, nach einem Freitag hingegen, muss ich damit rechnen.
    Wenn ich also Glück habe, ist morgen Samstag. Dann kann mir meine Tochter Maja mit dem Facebook helfen. (Im Gegenzug bringe ich ihr bei, wie man mit der Nähmaschine Knopflöcher näht.)
    Ich bin nämlich neu bei Facebook, weil man sich als Schriftstellerin profilieren muss, wenn man gelesen werden möchte. Wer will schon die Katze im Sack kaufen, beziehungsweise das Risiko eingehen, ein langweiliges Buch zu lesen?
    Wie aber findet man heraus, ob ein Buch langweilig oder interessant ist? Nun ja – natürlich, indem man etwas über den Schriftsteller erfährt! Langweilige Menschen schreiben langweilige Bücher, interessante Menschen schreiben spannende. Logisch.
    Bis anhin war ich so durchschaubar wie ein Bergbach.
    Dank Facebook kippt nun diese Durchschaubarkeit schlagartig ins Rätselhafte und ich verwandle mich von einer gewöhnlichen Person in eine besondere Persönlichkeit. Nehmen wir zum Beispiel das Bild von der Tasse, das ich auf Facebook gepostet habe:
    Zweifelsfrei handelt es sich um eine Teetasse, denn sie ist angeschrieben. Ebenso eindeutig enthält diese Teetasse aber einen geschäumten Milchkaffee??!!
    Offensichtlich ist also:
    Die Besitzerin dieser Tasse hat Zugang zu einem MILCHSCHÄUMER!
    Es stellt sich die Frage:
    Um WAS FÜR EINEN Milchschäumer handelt es sich?
    KANN ES SEIN, dass diese unscheinbare Frau, die in jeder Kaffeepause brav und langweilig ihren Tee trinkt, zu Hause über das TOPMODELL EINER KAFFEEMASCHINE MIT EINGEBAUTEM MILCHSCHÄUMER verfügt und in ihrer Einzimmerwohnung heimlich Milchkaffeeorgien feiert???
    … und schon ist aus einer simplen Koffeinunverträglichkeit ein skandalumwittertes Geheimnis geworden …

    Weiter dürfte dem/der aufmerksamen Shopper/in nicht entgangen sein, dass diese Teetasse – es gibt sie übrigens auch in orange-weiss – NIRGENDWO mit Untertasse erhältlich ist!
    WOHER ALSO kommt diese millimetergenau passende Untertasse, deren Rand exakt das gleiche Grün hat, wie der auf die Tasse gedruckte Teebeutelanhänger?
    Aus dem Brockenhaus natürlich.
    Nicht, dass ich speziell danach gesucht hätte, sie stand schon in meinem Schrank, als Maja mir die Tasse mit dem Aufdruck „Tee break“ vor zwei Jahren zu Weihnachten schenkte. Sie ist der Ansicht, ich sollte das Leben etwas lockerer nehmen und weist mich ab und zu mehr oder weniger durch die Blume darauf hin.

    Liebe Grüsse
    facebook.com/regula.haushorlacher

  2. Milena MoserMilena Moser meint

    @ Anna: Gute Idee. Seriously. Lass uns das besprechen, ich kauf mir unterdessen die Guru-Garderobe (ich finde immer einen Grund, etwas zu kaufen, vor allem, wenn ich kein Geld habe. Aber dazu mehr im Blog).

  3. Isabel meint

    Liebe Milena
    Zu Küchenchefs: Nie darf man sie in ihrem Refugium direkt stören! Wahrscheinlich hast du’s gut gemeint, und wolltest, todesmutig (man denke an all die langen Küchenmesser) selbst ein freundliches Gespräch führen, statt das Personal zu verheizen.

    Meine berufliche Erfahrung: Bei jedem Schnitzel, jedem wohl ausgefeilten Namen mit darauffolgender Ernüchterung bei Augenschein, jeder in sich zusammenfallender Salatkreation geht es um die EHRE. Bisher haben weder strategische Vorbereitungsmanöver, diplomatische Winkelzüge, gewaltfreie oder direkte Kommunikation irgend etwas gefruchtet. Vielleicht ist es beim nächsten Mal doch besser, die freundliche Kritik beim Servicepersonal zu deponieren, und sie zu bitten, das Schnitzel noch einmal durchbraten zu lassen. Die bestellen’s dann einfach so in der Küche, und es wird kein Woodoo-Küchenzauber auf deine Schreibliche Kreativität gelegt…

    Liebe Grüsse
    Isabel

  4. Carlsonsflug meint

    Heute beginnt mein neues Leben.

    Mein neues Schreibleben.

    Milena sagt, man solle einfach eine weiße Seite vor sich aufschlagen und drauflosschreiben. Schreiben, weshalb man eigentlich nicht zum Schreiben kommt.
    Das ist eine gute Frage. Weshalb komme ich eigentlich nicht zum Schreiben.

    Eigentlich ist die Antwort recht einfach. Weil Schreiben zuallererst auch Arbeit bedeutet. Man muss sich hinsetzten, sich Zeit nehmen, alles andere sein lassen, die Gedanken bündeln, sie wieder zurückholen, wenn sie entwischen wollen und schreiben.
    Ich muss ehrlich zugeben, dass ich an manchen Tagen einfach zu erschöpft bin um nach dem Gutenachtgeschichtelesen, Tischabräumen, Kinder ins Bett bringen meine letzte verbleibende Kraft noch fürs Schreiben aufzubringen.
    Aber – und jetzt kommt das große Aber – wenn ich es doch schaffe, bemerke ich wie gut es tut – das Zurückziehen, das Ich-bin-bei-mir, das Gedankenbündeln. Nicht mehr an die Termine von morgen denken müssen oder noch schnell einen Telefonanruf tätigen oder sich gar den Speiseplan für die nächsten Tage zurechtzulegen. Nein, einfach bei mir zu sein.
    Ich habe mir nun fest vorgenommen, ab heute jeden Tag mindestens ein halbe Stunde zu schreiben. So viele Schreibanfänge schlummern schon seit Jahren in meinem Inneren. Ab heute öffne ich ihnen regelmäßig die Tür und entlasse sie nach draußen.

    Herzlichen Dank.

  5. Karin meint

    Da stimme ich Sofia zu. Es ist wirklich traurig. Wenn selbst die AutorInnen, die sich relativ gut verkaufen noch zu verdienen müssen, dann ist einiges faul im Literaturwald. Ich meine, nichts dagegen wenn eineR zu verdienen möchte. Aber es unbedingt müssen trotz sehr fordernden Beruf? Das ist nicht gut.
    Halt dich wuchtig.
    Um den Koch würde ich mir keine Sorgen machen. Wie viel Kritik musst Du dir anhören, wenn du ein Buch vermasselst? Oder selbst, wenn nicht und du nur den KritikerInnen nicht in den Kram passt.
    Alles Liebe Karin

  6. Sofasophia meint

    Dieser Text, liebe Milena, macht mich traurig. Diese Realität zwischen Kunst und Brotjob, die vielen von uns immer wieder die Füsse und das Herz schwer macht. Dann noch Rilke. Puh.
    Ich würde jetzt am liebsten etwas superschlaues und ermutigendes schreiben, etwas aufbauendes …
    Es gibt immer einen Weg, sagte mein Vater. Bis jetzt hatte er recht. Obwohl ich oft an seinen Worten gezweifelt habe.

    Liebe Grüsse aus Windisch
    Soso

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