Ich kann alles erklären!

Nein, ich habe Magdalena nicht erfunden. Sie existiert. Sie macht mit. Sie kann nur aus unerfindlichen Gründen ihre Ergebnisse nicht im Blog posten (hat mein kindischer Neid auf ihre Produktivität die Technik lahmgelegt? Wer weiss…) Aber hier sind sie:

Magdalena: Day 1: 3700+ some words on 3/1 in 5 hours
 / Day 2: some 2,000 in 4 hours on 3/2 / Day 3: four and a half hours, another 3500 words or so.

Milena: 1.3. 10’838 Z. / 2.3.  1’555 Z. / 3.3.  14’025 Z./ 4.3. 13’727 Z

Der Wettbewerb funktioniert also. Konkurrenz feuert mich an. Die Zeitverschiebung ist auf meiner Seite. Trotz aussergewöhnlich dichtem Terminkalender schreibe ich wieder. Richtig. Zwischen einer Diskussion mit Studenten und dem Abendessen mit den Bibliothekarinnen vor der anschliessenden Lesung bitte ich um eine Ecke an einem Tisch. Und schreibe. Ich schreibe im Zug. Ich schreibe in der Notaufnahme, während ich darauf warte, dass meine Mutter vom Röntgen zurückgebracht wird (sie hat sich die Nase gebrochen). Und wieder im Zug. Warum also der Einbruch am zweiten Tag? Weil mir plötzlich klar wurde, wie alles zusammenhängt. Na, nicht alles natürlich – aber eine der Grundkonstellationen hat sich auf einmal geklärt. Ich sah plötzlich Erika, meine schwierige ursprüngliche Hauptfigur, die mich mit ihren Abgründen so erschreckt hat, dass ich mich angewidert von ihr abwenden musste. Ich sah Erika vor vor fünfzehn Jahren, kurz nach Suleikas Geburt, in einer ganz ähnlichen Situation wie ich selber vor fünfundzwanzig nach der Geburt meines älteren Sohnes. Ich habe eine Schlüsselszene aus meinen Eingeweiden gefischt. Doch diese Szene, diese Erinnerung gehört nicht nur mir. Sie gehört auch meinem Sohn. Und dem Vater meines Sohnes.

Und das hat mich einen Tag lang lahmgelegt. Wider besseres Wissen hoffte ich, es würde sich eine andere Wendung auftun.

Mit meinen eigenen Versatzstücken pflege ich einen recht pragmatischen Umgang: Ich setze sie dort ein, wo sie passen. Meist verändern sie sich während des Schreibens ohnehin unaufhaltsam, bis ich sie am Ende selber kaum mehr erkenne. Sie werden von meinen zu nicht mehr meinen, werden zu Lebensteilen meiner Figuren. Aber am Anfang bin ich. Oder eben nicht nur ich.

Ich habe kein Recht auf die Erinnerungen anderer. Auf ihre Erlebnisse. Aber aufschreiben muss ich sie trotzdem. Da führt kein Weg dran vorbei. Ich vertraue darauf, dass meine Figuren sich diese Szene einverleiben, dass sie Teil ihrer Geschichte wird. Dass sie am Ende weder mir, noch meinem Sohn, noch seinem Vater gehört.

Auch das ist mir schon passiert. Dass ich während des Schreibens dachte: Das geht jetzt nicht, das darf ich nicht. Das zu nah an anderen Menschen dran. Doch bis jetzt (Holz anfassen!) veränderten sich diese Szenen noch jedesmal bis zur Unkenntlichkeit. Nur ihre Essenz blieb auf dem Papier, ihre innere Wahrheit, nicht mit einer anekdotischen zu verwechseln. Ich hoffe jetzt einfach, dass das diesmal auch so sein wird.

Und was, wenn ich merke, dass diese Szene auch in der zweiten oder dritten Version immer noch zu nahe an einer Erinnerung ist, die nicht nur mir gehört? Dann schmeiss ich sie raus. Ganz klar. Und finde einen anderen Schlüssel.

Deshalb schreibe ich, so schnell ich kann. Ich durchschlage den Knoten mit Lichtgeschwindigkeit. Thank you Magdalena!

Über die neuesten Blogbeiträge informiert bleiben

  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Leser-Interaktionen

11 Kommentare

Kommentare

  1. Hans Alfred Löffler meint

    Jetzt hatte ich DIVING THE WRECKS schon 2 x und komplett gelesen und dann sah ich plötzlich das Obige. Und Ja, natürlich gibt es Magdalena Zschokke und zwar so sehr gut, dass ich mich nicht wundere, dass Milena Moser diese Frau, sehr gerne mag. Zu spät? Oder genau richtig!

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Magdalena: You made it! Welcome and sorry for the virtual hurdles you had to jump. Anything to get ahead… hahaha!
      blah? Tired.
      Monday 6919
      Tuesday 7477
      you?

  2. Karin meint

    Das mit dem Schnellschreiben ist eine gute Idee, zu oft kommt sonst auch bei mir der Gedanke, ob du das so schreiben kannst.
    Witzig ist, dass meine Bekannten immer Glauben sich in meinen Figuren wiederzufinden. Konsequent allerdings in denen, die nicht einmal ansatzweise mit ihnen zu tun haben. :-)
    Alles Liebe Karin

  3. Regula Haus-Horlacher meint

    Die Herzogin sass am Schreibtisch im Arbeitszimmer ihres Berner Stadthauses. Trübsinnig starrte sie aus dem Fenster. Der Wind peitschte die noch kahlen Äste der Bäume auf der Münsterplattform, Regen strömte aus tiefhängenden Wolken. Sie hatte es kommen sehen: Die wenigen warmen Tage waren schon wieder vorbei, der März würde kalt und nass werden wie jedes Jahr. Traurig wandte sie den Blick ab, strich mit ihrer schmalen, zarten Hand über das perlmutterne Blumenmotiv, das in die schwarzglänzende Oberfläche ihres Laptops eingelassen war. Sie hatte ihn vor zwei Jahren von einer Reise nach Paris mit nach Hause gebracht. Der Place St. Michel im Sommer, dachte sie gedankenverloren, eine Pracht… Sie seufzte und wollte nach dem grossen, weissen Couvert greifen, das neben dem Laptop auf der rötlichbraunen Tischplatte aus Kirschbaumholz lag, aber dann, aus einem plötzlichen Impuls heraus, versetzte sie dem Umschlag stattdessen einen leichten Stoss, so dass er über den Schreibtisch schlidderte. Als er zum Stillstand kam, ragte eine Ecke über den Tischrand hinaus. Doch die Befriedigung, die ihr dieser bescheidene Gewaltakt verschafft hatte, hielt nicht lange vor. Sie war ja vernünftig und wusste, dass sie das Ausfüllen ihrer Steuererklärung nicht ewig würde aufschieben können. Aber es lag ihr auf dem Magen, weil sie sich nicht sicher war, ob man auch die erfundenen Güter angeben musste, zum Beispiel dasjenige am Genfer See. Sie nahm sich vor, sich noch heute damit zu befassen, doch vorläufig, das stand fest, fehlten ihr Kraft und Nerven, sich mit dieser trockenen Materie auseinanderzusetzen. Zuerst musste sie sich eine Freude gönnen. Entschlossen klappte sie den Laptop auf und startete ihn. Sie war eine begeisterte Leserin, und der Blog, den Milena Moser, eine ihrer Lieblingsautorinnen, im Dezember des vergangenen Jahres eingerichtet hatte, war ihr während der langen, trostlosen Winterwochen eine wahre Stütze gewesen. Auch jetzt merkte sie sofort, wie ihre Lebensgeister erwachten, als sie Milena Mosers neuen Input auf dem Bildschirm erscheinen sah. Wie immer checkte sie die praktischen kleinen Zahlen am oberen Rand der letzten paar Inputs, aus denen ersichtlich war, ob neue Beiträge eingegangen waren. Dann klickte sie sich ein und begann zu lesen. Es ging wieder einmal um Yoga. Die Herzogin machte selbst kein Yoga, aber das spielte keine Rolle, denn sehr oft waren die Beiträge ganz einfach lustig und brachten sie zum Lachen. Oder sie vermittelten ihr irgendwelche unkonventionellen Tipps, die sie verblüfft zur Kenntnis nahm, um sie dann in ihrem Herzen aufzubewahren, bis sie irgendwann Verwendung dafür haben würde. Gerade eben war sie auf einen witzigen Austausch zwischen einer Silvia und einer Karin gestossen und musste laut herauslachen. Beide hatten offenbar ein paar überflüssige „Grämmer“, wie Silvia es nannte, aber sie schienen sich darüber nicht allzu sehr zu grämen und tauschen frohgemut ihre Yoga-Erfahrungen aus. Silvia erzählte unterhaltsam von den Volleyballknieschonern, die sie sich wegen ihrer Kniebeschwerden gekauft hatte, und dass sie nun dank ihnen ihr neues „gepolstertes Yogaleben“ geniessen könne. Karin hatte es offenbar mehr mit der „Totenstellung“, was auch immer das hiess, aber vermutlich war diese Stellung ganz einfach bequemer als alle anderen. Doch dann stand da etwas, das die Aufmerksamkeit der Herzogin plötzlich und vollkommen gefangennahm. Vorgebeugt, die Zunge zwischen den Zähnen sass sie da, den Blick wie festgesaugt vom Satz auf dem Bildschirm: „Unsere Yogalehrerin sagt immer, macht was euer Körper zulässt und visualisiert den Rest!“ Visualisieren? Was hiess das? Mit plötzlicher Sicherheit wusste die Herzogin, dass sie das Wort kannte, dass sie ganz genau wusste, was es bedeutete, und… es eben doch nicht wusste! Wie die meisten anderen, die im Blog schrieben, waren auch Silvia und Karin von Milena Mosers Yoga-Sachbuch „Schlampenyoga“ angeregt worden, selber Yoga zu praktizieren. Ohne den Laptop herunterzufahren, verliess die Herzogin den Schreibtisch und das Arbeitszimmer. Sie ging ins Wohnzimmer, machte Feuer, schichtete Kissen auf die Bank im Erker, zog das Taschenbuch aus dem Büchergestell. All das tat sie, als befände sie sich in einer Art Halbschlaf. Sie setzte sich auf die Erkerbank zog die Beine hoch und öffnete das Buch. Sie würde nicht aufhören zu lesen, bevor sie herausgefunden hatte, was mit diesem Wort gemeint war! Sie hatte sich darauf eingestellt, dass sie den ganzen Nachmittag dazu brauchen würde, aber schon auf Seite 46 stiess sie auf eine Geschichte, die zwar mit dem Wort „visualisieren“ nichts zu tun hatte oder jedenfalls nicht auf den ersten Blick, aber sie wurde zum zweiten Mal an diesem Tag vollständig in den Bann gezogen. Es ging um den Königssohn Rama und seine Frau Sita, die er sehr liebte und die entführt worden war. Der Diener des Königssohns, der Affe Hanuman, suchte und fand sie auf Sri Lanka, wo sie gefangen gehalten wurde. Um sie zu befreien, musste er auf die Insel springen, und das tat er auch. Warum er dabei mit einem Bein auf dem Festland zurückblieb, wurde nicht erzählt, wohl aber, dass es Hanuman gelang, Sita zu befreien, weil er mit ihr sprechen konnte.
    „Der Yoga-Spagat ist ein Bild für das blinde Vertrauen, das man manchmal einfach aufbringen muss.“, schrieb Milena Moser im Anschluss an die Geschichte.
    Der Yoga-Spagat… Die Herzogin liess das Buch sinken. Draussen hatte der Regen nachgelassen. Die Baumwipfel bewegten sich nur noch leicht, wie in einer angenehmen, sommerlichen Brise, gerade recht, um die Hitze ein wenig zu brechen. Die Sonne schien noch nicht, aber die Wolken lichteten sich bereits. Es würde nicht mehr lange dauern.
    Den Spagat beherrschte sie, seit sie ein kleines Kind war. Sie war immer eine miserable Sportlerin gewesen und war es all die Jahre geblieben, aber den Spagat konnte sie.
    Sie legte das Buch auf die Bank, ging zurück in ihr Arbeitszimmer, weckte den Laptop mit einem Mausklick. Dann öffnete sie ein Emailformular und begann zu schreiben:
    „Sehr geehrte Frau Zurbuchen
    Ihre Ferienwohnung in Saas Fee gefällt mir! Ich möchte sie für meine Sommerferien mieten…“
    Lorenz kann mitkommen, dachte sie. Wenn er will.
    Und wenn die Wohnung schon vergeben war, weil sie zu lange gezögert hatte? Dann würde sie eben eine andere suchen! Oder sie suchten eine zusammen, das war noch besser…
    So. Die Herzogin griff nach der Steuererklärung.

    Ende des Bestsellers
    = ) *

    *Das ist keine Masche mit diesen Smileys, ich weiss nur nicht, wie man die anderen macht!

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Nachwort der Autorin zum Bestseller „Nochmal Rahel“

      Liebe Milena
      Liebe Alle
      Selbstverständlich will ich euch nicht vorenthalten, dass Herzogin Rosemarie die Wohnung bekommen hat. Sie wird also die letzte Juli- und die erste Augustwoche im „Ferienhaus Bergruh“ in Saas Fee verbringen. (Das Haus existiert tatsächlich, hihi… was man doch im Internet nicht alles findet!)
      Ob Baron Lorenz sie begleiten wird, ist leider noch nicht erfunden. Vielleicht gibt es ja irgendwann einen zweiten Band: „Nochmal Herzogin Rosemarie“ und da steht es dann drin. Möglicherweise wird Herzogin Rosemarie dann aber auch ihr Inkognito lüften, und es wird sich herausstellen, dass es sich bei ihr in Wirklichkeit zum Beispiel um Königin Renata handelt, wer weiss. Aber das ist Zukunftsmusik. Vorläufig ist nur so viel bekannt: Herzogin Rosemarie muss jetzt ihre Steuererklärung ausfüllen, was sie bei den vielen erfundenen Ländereien, die sie besitzt, für einige Zeit beschäftigen dürfte…
      Und ich selbst muss mich noch einmal hinter „Das schwarze Sofa“ klemmen. Zum elften Mal. Mitte April soll die Geschichte in Druck gehen. Mal sehen. An die Erfüllung meiner Wünsche zu glauben, fällt mir schwer. Manchmal habe ich das Gefühl, mir fehle das Gen, das es dazu braucht.
      Wie dem auch sei. Ich danke euch für das Interesse, das ihr meinem Bestseller entgegengebracht habt und grüsse euch ganz herzlich
      Regula

      PS: Kann mir denn wirklich niemand erklären, wie man diese gelben Smileys macht?! Mit dem Visualisieren hab ich’s versucht, liebe Silvia, aber der Rest ist nicht von allein gekommen.

    • Silvia meint

      Nur Geduld, das mit dem Visualisieren ist so eine Sache. Meist visualisiert man ohne es zu merken und Ihr Schreibenden sind ja Meister darin :-) und noch zu den Smiley’s – Doppelpunkt, Gedankenstrich, Klammer (je nach Gemütszustand offen oder geschlossen) und dann mal sehen, wie’s aussieht nach dem Abschicken :-) Da ich ein erklärter Tiefflieger bin im Bedienungsanleitung lesen und jedesmal eine Allergie bekomme, sollte ich so ein „Dokument“ lesen, lehne ich jede Gewähr ab, dass meine Smiley-Anleitung auch funktioniert. Good luck beim smilen und visualisieren!

An der Diskussion teilnehmen

Hier können Sie Ihren Kommentar schreiben. Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * bezeichnet.