Mordlust

Kürzlich wurde ich bei einer Lesung gefragt, ob meine Kinder meine Bücher lesen, und wenn ja, was sie davon halten würden. Mein älterer Sohn war zufällig anwesend, irgendwo weit hinten sass er. „Fragen Sie ihn doch selber“, sagte ich also.

„Super!“, rief er vom Beckenrand aus – die Lesung fand in einem Flussbad statt – aber leider hörte ihn niemand, nicht einmal ich. „Vermutlich ist er davon geschwommen“, sagte ich, automatisch davon ausgehend, dass ihm das alles furchtbar peinlich sein musste. Später fand ich ihn an einem Tisch sitzend, mit meiner Lektorin den „frühen Stil“ meiner Mordgeschichten diskutierend. Geradezu historisch mute die Lektüre an, sagte sie: Ein anderer Stil, andere Inhalte, eine ganz andere Sprache. Zwanzig Jahre her. Nein, mehr. Doch die alte Mordlust ist plötzlich wieder da. Ein Auftrag hat sie geweckt, nein, nicht geweckt, hat ihr ein Ventil gegeben. Es kitzelt mich in den Fingern. Ich spitze den Bleistift zur Waffe. Eine Frau schenkt ihrem Mann eine Sexpuppe von hoher Qualität, in einer japanischen Firma nach ihrem Bild und ihren Massen aus hautnahem Material hergestellt, mit Aufnahmen von ihrer Stimme programmiert. „Ja, mein Schatz.“ „Nein, mein Schatz.“ Sie setzt die Puppe auf ihren Lieblingsplatz auf dem Sofa und geht. Der Mann kommt nachhause und merkt erst einmal gar nichts, doch dann…

Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie mein älterer Sohn, der jetzt so gelassen den Stil der alten Mordgeschichten diskutiert, mich nach der ersten Lektüre derselben nachts angerufen hatte, erschüttert: „War das alles mein Vater?“, fragte er. „War der wirklich so schlimm?“

Nein. Natürlich nicht. Aber auch. Ich denke an meine Romanfigur Erika und an ihren Ex-Mann Max, eine literarische Figur. Klar. Trotzdem trägt er Züge von beiden Exmännern, beiden Vätern von beiden Kindern. Ich setze mich mit meinen gescheiterten Ehen auseinander, ich rege mich auf, ich reagiere mich ab, ich räume auf. Finde Versatzstücke, die zu gut sind, um sie wegzuwerfen. Sätze wie: „In Kurdistan gebären die Frauern auf dem Feld!“ Schlimm genug, wenn man sich so etwas sagen lässt, hochschwanger, überarbeitet, verzweifelt, voller Sorge, wie das alles gehen soll. Schlimm genug, wenn man da nicht gleich die Koffer packt. Wenn der Satz fast zwanzig Jahre später und immer noch nicht vergessen, wenigstens in eine Geschichte passen würde? Wäre das besser?
Doch was, wenn meine Söhne dieses Buch lesen, was, wenn sie fragen: „War das mein Vater? War der wirklich so schlimm?“

Nicht an die Leser denken. Nicht einmal an die wichtigsten, die liebsten Menschen auf der Welt. Nicht jetzt. Jetzt nur schreiben. Ich schreibe mich aus meiner Wut heraus, ich lebe die Mordlust in Geschichten aus, an Figuren, ich spiele mit den Demütigungen, ich koste sie aus. Es macht mir unendlich viel Spass. Zeile für Zeile verschlingt Max meine Exmänner, verleibt sie sich ein, ihre Spuren, ihre Züge, ihre Formulierungen verschwinden in seinen, sind kaum mehr zu erkennen. Ich habe mich losgeschrieben. Ich lege den Roman zur Seite und dann bringe ich die Puppe um….

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Leser-Interaktionen

11 Kommentare

Kommentare

  1. Sofasophia meint

    liebe milena

    da ich von dir keine mailadresse finde, schreibe ich dir mein kleines anliegen hier ins blog: ich arbeite an einem artikel über „blog als literaturgenre“. in meinem blog ist eine kleine umfrage gepostet. ein fragebogen. keine ahnung, ob du lust hast mitzumachen.

    aber da ich dein blog so gerne lese, wäre es jammerschade, dich nicht um ein kleines votum „pro blog“ zu bitten. und falls du poppy mal siehst: sie soll bittebitteschön auch mitmachen.;-)
    über die montagsmenschen blogg ich bald. morgen vielleicht. oder nein, besser am montag. passt perfekt.

    herzliche grüsse
    sofasophia

    ooops: der link zur umfrage noch: http://sofasophia.files.wordpress.com/2012/06/bloggen-als-neues-literaturgenre.pdf

  2. Isabel meint

    Für mich stimmt es so nicht Eine wertschätzende Haltung im Umgang mit Wörtern ist für mich genauso wichtig wie für den Umgang mit Menschen…ich kann für mich selbst schreiben, was immer ich will, und so jegliche Kreativität ausleben.. Doch in dem Moment, in dem ich mich an andere Menschen wende, ob mündlich oder schriftlich, trage ich Verantwortung. Und meine eigenen Verletzungen stehen nicht über dem Verletztwerden der Menschen, die ich liebe. Wunden werden dadurch nicht besser geheilt, sondern brechen wieder auf – das, worauf man intensiv seine Aufmerksamkeit richtet, verstärkt sich.

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Isabel: Natürlich. Diese Verantwortung übernehme ich aber erst in dem Moment, in dem der Text nach aussen geht. Meist sind die erkennbaren Details (Beispiel „Frauen in Kurdistan“) der zweiten oder dritten Überarbeitung schon zum Opfer gefallen. Was noch da steht, wird dann sehr genau überprüft. Die Freiheit, die ich mir herausnehme, ist eine sehr kleine: aufzuschreiben, was ich denke und fühle, in dem Moment, in dem ich es denke und fühle. Obwohl ich weiss, dass die, die es betreffen könnte, in diesem Fall meine Kinder, diese Texte nie zu Gesicht bekommen, muss ich mir bewusst die Erlaubnis erteilen, etwas zu schreiben (anders gesagt; zugeben, dass ich es fühle), was sie verletzen könnte.
      Meine Erfahrung mit der Aufmerksamkeit ist eine andere als deine. Für mich gilt das schöne Zitat von Michelle Pfeiffer: the only way out is through. Ich muss intensive Gefühle auch intensiv durchleben, allenfalls verarbeiten – damit ich sie bald hinter mir lassen kann. Je verkrampfter ich versuche, im grössten Schlamassel „positiv“ zu denken, desto heftiger, giftiger, gärender kommen diese Gefühle zurück. Oder, wie es Katharina Faber einmal viel schöner sagte: „Da tritt die Sorge ins Zimmer und wir müssen sie ja empfangen, wir können nicht sagen, wir seien nicht da….“

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Danke für diese Antwort, Milena. Ich bin auch der Meinung, dass es notwendig ist, eigene Gefühle zuzulassen. Ich behaupte sogar, ein achtsamer Umgang mit anderen Menschen ist überhaupt nur dann möglich, wenn man sich selbst seine Gefühle welcher Art auch immer – Sehsüchte und Bedürfnisse gehören auch dazu – eingesteht. Aus der Welt schaffen lassen sie sich ohnehin nicht, höchstens unterdrücken, was aber auch nicht unbegrenzt lange geht. Plötzlich, irgendeinem Impuls folgend, schiessen sie empor, unkontrolliert und unkontrollierbar, oft in sinnlos überhöhter Potenz … Na ja. Ich will jetzt da nicht länger darauf eingehen, am Peinlichsten ist das ja meistens für einen selbst.
      Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit, wie es sich auswirken kann, wenn in den Äusserungen von Menschen uneingestandene Gefühle „mitwirken“. Darüber zu schreiben, fällt mir seltsam schwer. Dabei ist dieses Phänomen längst bekannt, gedeutet, benannt. Jemand sagt etwas, meint aber eigentlich etwas ganz anderes, denn seine Gefühle, Bedürfnisse, Ansprüche, was auch immer, stimmen nicht mit dem, was er sagt, überein.
      „Das ist eine klassische Doppelbotschaft!“, würde mir jeder einigermassen mit den Eigenarten zwischenmenschlicher Kommunikation vertraute Mensch sagen. Nur: Das zu wissen, hilft mir nicht viel. Auf Doppelbotschaften reagiere ich instinktiv. Ich muss mir das als ganz kleines Kind angewöhnt haben. Ich erinnere mich gut daran, dass mein Grossvater immer Wein trank aus einer Flasche auf deren Etikett „Montagner“ stand. Als Kind ohne Französischkenntnisse im ersten Lesealter verwirrte mich das sehr: Grossvater trank diesen Wein nämlich nicht nur montags, sondern an jedem anderen Wochentag auch. Man sagte also „montags“ und meinte damit „immer“.
      Wenn ein kleines Kind auf die unausgesprochenen Wünsche eines Erwachsenen reagiert, fällt das unter Umständen niemandem auf. Kinder „hängen“ noch schnell mal an jemandem, und wenn dieser Jemand ein netter Mensch ist, von dem man nur selten ein böses Wort hört, dann … na ja –
      Und wenn eine solche Geschichte also unbemerkt bleibt, dann ist die Gefahr gross, dass sie sich später wiederholt, auch das ist klassisch. Nur: Wenn man drin steckt, kann es noch so klassisch sein, man merkt trotzdem nicht, was abläuft.

      „Und wie lange dauert das?“
      So lange, bis man begreift, dass es auch noch andere Geschichten gibt :-)

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Huch … jetzt bin ich aber erschrocken:
      „Your comment is awaiting moderation.“
      Was immer das heisst, ich habe es weder gesagt noch geschrieben, es stand einfach da. Vermutlich sind es ja nur die Tücken der Technik, aber ein bisschen unheimlich ist das trotzdem …

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Jetzt ist es weg –
      Aber es stand da, ich schwör’s. Mich so zu erschrecken!

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Regula: Keine Panik! Wir versuchen nur, einen sinnvollen Umgang mit den hunderten von Spamsendungen zu finden, die sonst die Kommentarspalte verstopfen!

    • Regula Haus-Horlacher meint

      Ach so, dann bin ich ja erleichtert … hab schon gedacht, das sei womöglich etwas Übersinnliches. So eine Art literarisches UFO oder noch schlimmer MENETEKEL ;-)

  3. Gise Kayser-Gantner meint

    … das sollte man sich trauen … – und vertrauen auf diese wunderbaren, auf unerklärliche Weise verstehenden Wesen, die die eigenen Kinder sind. Die einem Sachen erläutern – nein, nicht, wenn man daneben sitzt, die auf einmal die eigene Sicht so verschieben, dass man es richtiger sehen kann, das Vergangene.
    Wie sagte der Verfasser der „Fanpost“? Ich freue mich aufs nächste Buch – und ich mich auch, ganz besonders nach dem letzten Tag heute, des Kurses von Dir, der bei mir „Schreibmarathon 2012“ genannt wurde. Ich fühle mich wieder frisch gepowert durch die Dosis Kreativität, die von Dir ausstrahlt und auf uns andere blitzschnell übergesprungen ist – was für eine Zeit! Und welche Zukunftsaussichten!

    Danke von Gise

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