Ohne Worte: Null.

IMG_0486„Walk of shame“ nennt es die Amerikanerin, wenn sie offensichtlich in den Kleidern vom letzten Abend nachhause geht. Als ob es eine Schande wäre, unverhofft nicht im eigenen Bett zu schlafen. Daran denke ich, als ich heute Morgen in Kleid und Stiefeln den Hauptbahnhof durchquere, mich zwischen den vernünftig gekleideten Massen durchzwänge. Das Wetter ist strahlend schön, alle sind gerüstet zum Wandern und Schlitteln, zum Skifahren, für die Ferien. Für den Schnee.

Ich hingegen, ich arbeite. „Langsam übertreibst du es“, sagte die Freundin, bei der ich gestern zu Besuch war und spät nachts eingeschneit wurde – en tout bien tout honneur, tut mir leid. Und ich: „Was soll ich denn sonst tun?“ Kaum hatte ich es ausgesprochen, genierte ich mich. Was für eine klägliche Aussage! Und doch ist sie wahr.

Die Arbeit ist es, die mein Leben ausfüllt und bestimmt. Ich arbeite immer mehr, bis ich gar nicht mehr weiss, was man sonst noch tun könnte. Die Dinge, die in meinem „alten“ Leben für Ausgleich sorgten, gibt es nicht mehr. Das so entstandene Vakuum füllte sich mit meiner Arbeit. Ich habe mir bis jetzt die Möglichkeit nicht gelassen, die Zeit nicht genommen um zu sehen, was da sonst noch sein könnte.

Aber das, meine Lieben, wird sich ändern. Im Mai gehe ich auf eine grosse Reise. Nach innen und aussen. Das Leben geht weiter. Und der Blog auch.

Aber erst einmal sitze ich also im Zug und klappe den Computer auf. Das Überarbeiten geht gut voran. Ich stelle vor allem viel um. Diesmal habe ich ja NUR zwei Handlungsstränge – Möchtegern hatte elf, Montagsmenschen vier. Ich konzentriere mich. Diese zwei Geschichten, die von Erika und die von Nevada, kreuzen sich erst ungefähr am Ende des zweiten Drittels. Vorher werden sie einfach abwechselnd erzählt, in einem relativ strikten Zeitrahmen, während fünf Wochen im Sommer. So weit, so klar. Und doch weiss ich erst jetzt genau, was wo hingehört. Wann die Perspektive wechselt. Ich notiere mir die Seitenzahlen, um den Überblick zu bewahren und stelle erstaunt fest, dass die beiden Handlungsstränge bereits im ersten, intuitiven, unredigierten Entwurf immer auf die Seite genau gleich lang sind. Wenn Erika 15 Seiten lang „dran“ war, bekam Nevada auch 15 Seiten. Manchmal sind es auch fünf oder acht oder eineinhalb, aber es sind immer gleich viele. Das zeigt mir einmal mehr, dass es sich lohnt, sich dem Erzählstrom hinzugeben, ihm zu vertrauen. Ich vertraue also auf diese intuitive Einteilung und verschiebe nur ganze Blöcke. Habe ich vorne etwas „gebüschelet“, weiss ich plötzlich auch wieder, wie es hinten weitergeht.

Ich habe mich entschieden, den Missbrauch aus Nevadas Geschichte herauszuschälen. Obwohl oder gerade weil ich Regulas Kommentar zum letzten Eintrag sehr aufmerksam gelesen habe – danke, Regula! Ich habe deine Stimme hier vermisst.

Nichts läge mir ferner, als die Wunde des Missbrauchs und die Narbe, die er hinterlässt, klein zu machen. Aber ich weigere mich schlicht, zu akzeptieren, dass diese Narbe bestimmt, wie ein Leben verläuft, wer ein Mensch ist. Als Kind habe ich mir einmal sehr kompliziert beide Beine gebrochen. Seither ist eines kürzer als das andere und jedes Mal, wenn das Wetter umschlägt, spüre ich es. Das stört, aber nicht zu sehr, ich weiss ja, was es ist. Viel schlimmer wäre es, von unerklärlichen Schmerzen geplagt zu werden, die mich scheinbar willkürlich heimsuchen. Nie käme es mir in den Sinn, mich als „Milena mit dem kürzeren Bein“ zu identifizieren. Mein Leben von diesen Schmerzen bestimmen zu lassen. Und ich bestehe darauf, den Missbrauch gleich zu behandeln. Ja, die Wunde ist tief. Ja, sie hinterlässt eine Narbe. Ja, diese Narbe schmerzt und stört in den unpassendsten Momenten. Aber sie bestimmt kein Leben. Nicht meines. Nicht das von Nevada.

Und das habe ich in Montagsmenschen schon beschrieben. Ich kann es nicht noch einmal tun. In dieser Geschichte geht es um etwas anderes – und doch um das Gleiche. Genau so radikal wie Nevada sich weigert, sich über diese Kindheitserfahrung zu definieren, kämpft sie jetzt dagegen an, sich von ihrer Krankheit bestimmen zu lassen.

Und so sitze ich im Zug und klappe den Laptop auf und (Lieber Dirk, du schaust jetzt lieber weg):

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Leser-Interaktionen

13 Kommentare

Kommentare

  1. BurgerTrice meint

    Habe mir gerade die FACEBOOKSTUDIE aus dem Blog von Jutta Wilke angesehen und sie gibt auf vielen Ebenen zu denken. Ich bin gespannt, Milena, deine Idee mit dem Facebook als Werkzeug verstehe ich nicht ganz ……

  2. Jutta Wilke meint

    Liebe Milena,
    ich habe Facebook verlassen. Warum, das kannst du in meinem Blogbeitrag von gestern nachlesen. Auf diesem Wege hoffe ich, dass wir in Kontakt bleiben. Ich liebe dein Blog und deine Beiträge. Und ja- ich bin auch eine von denen, die immer und überall arbeiten. In fahrenden Zügen übrigens besonders gerne. Wert 0 – das heißt doch nur: Alles ist offen, alles ist möglich. Und das ist so viel!
    Liebe Grüße aus dem Nachbarblog.
    Jutta

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Jutta: Verstehe dich sehr gut. FB ist für mich ein Werkzeug, das zu nutzen mir quasi aufgetragen wird – darüber bald mehr hier.. Sag mal ich weiss nicht genau wo Hanau ist, aber ich bin nächste Woche in Nürnberg… ?? Wer weiss….

  3. Regula Horlacher meint

    Liebe Milena
    Wie schön, wenn man vermisst wird!
    Ich musste meine Bewerbung für das Genua-Atelier fertigmachen – das hiess, rund zwanzig Seiten Rahel/Erste Fassung in leserfreundliche Form bringen – und mich noch einmal in den Beitrag für den Hamburger Kirchenwettbewerb vertiefen. (Vielleicht erinnerst du dich: die Geschichte mit der „Hamburg Card“, du hast mir bei der Hamburg-Recherche geholfen.)
    Inzwischen ist beides weg.

    Übrigens noch: Gregor hat sehr Recht, dein Blog-Input jeden Sonntag ist eine WUNDERBARE KOLUMNE, die ich ab sofort auch nie mehr anders nennen werde! :-)

    Ganz liebe Grüsse
    Regula

  4. gregor meint

    liebe milena,

    danke für deine wunderbare kolumne, die ich jeden sonntag wieder gerne lese, schmunzelnd und staunend, mich identifizierend und manchmal die stirn kräuselnd, ja, aber immer: sehr, sehr gut unterhalten.

    das bild mit der gesamtzahl zeichen: 0 (geschätzter wert) ist wunderbar gewählt! ich nehme nicht an, dass du diesen wert sehr schätzt, oder?

    glg aus basel

    gregor

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Gregor: danke, das freut mich! Das Bild ist echt und zeigt einmal mehr meine technischen Schwierigkeiten – ZUM GLÜCK ist das Dokument auf dem anderen Computer unversehrt… vielleicht sollte ich doch nicht immer im Zug schreiben?

    • Regula Horlacher meint

      „Die Stirn kräuseln“ ?! – Das gefällt mir, lieber Gregor. Klingt, wie wenn ein Stierkalb mangels Augenbrauen seine Locken zwischen den nicht vorhandenen Hörnern räuspern würde, um männlicher zu wirken … ;-)

    • Hans Alfred Löffler meint

      Ich nehme mal an, dass Dr. Dirk Vaihinger nicht hingeschaut hat, aber ich schon, da steht nämlich auch ‚Das wahre Leben-1.docx‘ und das ist es doch was wir alle wollen, wenigstens davon lesen. Oder – wenn wir Glück haben – jemandem über die Schulter schauen der dieses, unseres und anderer Leben beschreibt, trotz technischer Schwierigkeiten, im Zug und überall auf der Welt.

    • Regula Horlacher meint

      Wie gut! Ich wünsche dir von ganzem Herzen viel Glück mit der Technik!
      Liebe Grüsse
      Regula

  5. Sofasophia meint

    „Aber ich weigere mich schlicht, zu akzeptieren, dass diese Narbe bestimmt, wie ein Leben verläuft, wer ein Mensch ist.“
    das ist genau das, was ich heute, was ich jetzt brauche.

    danke für diesen text! mir fehlen grad die worte. es passt einfach. alles.
    herzlich, denise

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