Schlaflose Nächte

Eigentlich bin ich ja in den Ferien. Ich soll mich erholen. Der Sommer war hart. Ich bin erschöpft. Unter anderem auch vom Schreiben meines letzten Romans. Andererseits hat mich das Schreiben auch durch diese schwere Zeit getragen. Mehr noch, es hat sie vorbereitet. „Der Roman hat dich gerettet“, behauptet Dr. F. Doch gegen Ende kommt immer dieser Moment, wo ich denke: Das ist das letzte Mal. Dass ich mir mein Leben so auffressen lasse. Der Roman verschlingt mich. Beherrscht mich. Ich will das nicht mehr. „Ich bin auch jemand“, sage ich trotzig zu meinen Figuren. „Ich bin nicht nur die Chronistin eurer Geschichten! Ich habe ein eigenes Leben!“

Habe ich das? Ich stelle mir vor, was ich alles machen werde, wenn ich erst fertig bin: Schlafen! Ausgehen! Schlafen! Tanzen gehen! Have some fun, dammit! Dann bin ich fertig, eine Zeitlang beschäftigen mich noch die letzten Korrekturen, die Fahnen, aber irgendwann ist die Arbeit getan. Monate bevor das Buch erscheint. Ich bin frei.

Und dann?

Nichts.

Ich schreibe jeden Tag. Kolumnen, Aufträge, Tagebuchnotizen. Aber ich fühle mich seltsam „unverankert“. Lödelig. Nicht ganz richtig. Neben mir stehend. Neben meinen Schuhen.

Paul Nizon hat einmal, vor etwa zehn Jahren, in einer Fernsehgarderobe zu mir gesagt, er bewundere mich. Nicht, was ich schreibe, er hat nie etwas von mir gelesen, sondern wie. Mitten im Alltag. In der Familie. Er habe, so sagte er wehmütig, immer ein halbes Jahr wegfahren müssen, nach London oder Paris, um in Ruhe ein Buch schreiben zu können. Damals dachte ich noch: Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich das auch tun.

Heute denke ich, es ist egal. Es kommt nicht darauf an. Es ist nicht so, dass ich überall und unter allen Umständen schreiben kann. Es ist so, dass ich nicht gut nicht schreiben kann.Egal wo ich bin, egal, wie es mir geht, egal, was sonst gerade läuft.

Trotzdem habe ich die unbestimmte Vorstellung, man müsse auch gut leben können. Ohne zu schreiben. Ich versuche es immer wieder. Zwischen zwei Romanen. Ich schiebe die auftauchenden Ideen zur Seite, schicke die Figuren weg, zögere den Moment hinaus, in dem ich mich einer neuen Geschichte ergebe.

Meine Yogalehrerin erwähnt ein neues Buch über die Entwicklung der Asanapraxis und ich denke spontan: Das muss Nevada lesen! Nevada ist eine Romanfigur. Eine der „Montagsmenschen“ aus dem letzten Buch. Dass mich die Figuren eine Zeitlang weiterbegleiten, ist ganz normal. Meist verschwinden sie von selber, werden von neuen Figuren verdrängt. Nevada geistert diesmal als einzige der alten Figuren noch durch meinen Kopf. Hier sehe ich sie im Bett liegen, ein junger Mann massiert ihre Füsse. Liebhaber? Physiotherapeut? Ist ihre Krankheit fortgeschritten?

Da ist aber noch jemand. Jemand Neues. Eine Frau, die nicht schläft (Haha! Frau Moser, wie KOMMEN Sie nur immer auf diese Ideen?) Sie ist blond, um vierzig, mehr weiss ich nicht. Was hat sie mit Nevada zu tun?

Ich versuche, sie zu verscheuchen. Beide. Lasst mich in Ruhe, ich habe Ferien!

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Leser-Interaktionen

10 Kommentare

Kommentare

  1. isabelle meint

    liebe milena. ich werde mich nie sattlesen können an deinen worten, vielen dank! die alleinerziehenden chaotinnen waren mir schon aus dem herzen geschrieben; aber dein blog ist noch um einiges inniger. mir schwebte auch immer eine villa in der toskana, oder mindestens ein landhaus in bagnols-en-foret vor, um dereinst „mein“ buch zu schreiben… und plötzlich lächelt mich der neue basteltisch meiner kinder an: „na?“. eine freundin und ich haben seit kurzer zeit (seit ich endlich das faxenbuch gelesen habe:-)) unsere „running gags“ im stile von „ach, milena hat das auch geschafft…“. kannst du dir vorstellen, wie wichtig du in unserem leben bist? selten als ausrede, öfter als motivation, trotz allem weiter zu machen, und oft als beruhigendes lächeln in den gedanken „milena kennt das auch“ *smile*. und wenn du deine ferien – hoffentlich genussreich – hinter dich gebracht hast: schreib weiter, bitte, schreib weiter, schrreeeeiiiiib weeiiiiiiiiiter! :-)

    • Milena MoserMilena Moser meint

      Ihr Lieben – wow, danke für Eure Reaktionen! Das hätte ich jetzt nicht erwartet…. OK, dann machen wir diese Achterbahnfahrt zusammen – und Susanna, ein bisschen Geduld, aber ich werde es rauskriegen!

  2. Gise Kayser-Gantner meint

    Milena,
    welche Überraschung, welch fabelhafte Idee. So richtig gut aus dem Nikolausstiefel gelupft.
    Das beflügelt die eigenen Wörter. Herzlichen Dank für diesen Musenkuss – auf der verwirrenden Suche nach dem „neuen“ Thema für die Zeit bis Juni!

  3. PeterLivia meint

    Hallo, liebe Milena und andere (noch?) unbekannte Schreibende
    das tut gut, diese Zeilen zu lesen…..nicht, dass ich dich gerne „umherirren“ sehe, Milena, sondern dass ich mich in guter Gesellschaft wieder finde! Diese Ideenflut, dieses hartnäckige Bestehen einzelner Figuren, manchmal ist es zum irre werden. Sobald ich sie zu Papier bringe, verstecken sie sich zwischen den Zeilen und treiben dort ihr Spiel: du erwischt mich niiicht….
    Liebe Grüsse

  4. Verena Raaflaub meint

    Liebe Milena
    So schön, von Dir zu hören. Ich bin also nicht allein in den schlaflosen Nächten. Und man kann es überleben! Ich balanciere zwischen dem Überarbeiten meiner soweit fertigen Geschichte und einer neuen, die noch sehr fragil ist. Achterbahn! Aber hurra, ich lebe! Dir noch ganz schöne Ferien (oder was es immer ist und Du brauchst)!

  5. Susanna meint

    Icn würde die Posts gerne automatisch bekommen. Wie mache ich das? Auf meinem Blog können alle regelmässigen Leser ihre Email angeben und werden dann ab sofort automatisch informiert, sobald ein neuer Post veröffentlich wird. Gibt es diese Möglichhkeit auch auf Deinem Blog?
    Übrigens, ich habe Dich im Hechtplatztheater gesehen. Ihr ward beide toll!

  6. Isabel meint

    Super, genau das, was ich brauche, um weiter zu machen! Bei mir schreien im Moment Figuren aus unterschiedlichen Geschichten ….hatte sie zwischendurch alle in die Wüste geschickt, um Zeit für alles Laufende zu haben, bin aber jetzt bereit, sie wieder zurück zu holen, trotz Weihnachten. (Wüste passt irgendwie zu Nevada, oder?) Liebe Grüsse
    Isabel

  7. Esther Grosjean meint

    Diese Zeilen lesen sich so leicht, sind gemögig, machen an. Mich einmal mehr hinzusetzen, einmal mehr anzufangen. Und zwar am Küchentisch, nicht in irgendeiner Ecke, einem abgeriegelten Kämmerchen… da, wo das Leben stattfindet. Wo es packt und einnimmt, ärgert und freut… wow. Danke! :-)

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