Und er bewegt sich doch!

scrabble-is-everywhere-movies-books-other-media.w654Den Text meine ich. Der Text bewegt sich. So lange er noch nicht gedruckt ist. Keine weltbewegende Erkenntnis, ich weiss. Aber sie wurde mir diese Woche erst so richtig bewusst. Nach vier weiteren Aufführungen mit Den Unvollendeten, von denen keine wie die andere war. Manchmal bewusst, wir spielten freier, wir probierten aus: Was, wenn ich bei diesem Satz aufstehe? Was, wenn ich das anders sage, weniger aggressiv? Manchmal auch unfreiwillig, eine von uns vergass eine Zeile, verwechselte einen Textabschnitt mit einem anderen, die andere musste reagieren, auf den fahrenden Zug springen, den Text anpassen. Und plötzlich merkte ich, dass mir das Spass macht. Anfangs bin ich jedes Mal in Panik erstarrt, wenn mir so etwas passierte. Wenn ich selber nur einen Satz ein bisschen anders aussprach, als ich ihn geschrieben hatte. Wenn ich auf eine minimale spontane Änderung von Sibylle nicht gleich eingehen konnte. „Ich bin nun mal kein Bühnenprofi!“ Und als Sibylle nach etwa acht Vorstellungen eine neue Schlussszene vorschlug, hätte ich am liebsten geweint. „Nur über meine Leiche!“, zeterte ich. Kann nicht, will nicht, geht nicht! Schliesslich haben wir dieses Programm, das so leicht und aus dem Moment improvisiert wirken soll, x-mal geschrieben und umgeschrieben, zusammengestrichen, umgestellt, geprobt, geprobt, geprobt. Und wozu? Um es gleich wieder über den Haufen zu werfen? Doch je länger wir spielen, desto leichter fällt mir das, desto mehr Spass macht es mir auch. Die Wellen der Sätze und Szenen zu reiten, wie sie sich vor mir aufbauen. Aus dem Moment zu reden, nicht aus dem Gedächtnis. Der Text verändert sich, ich spreche einen Satz anders aus, ich schaue dabei zur Seite statt nach unten, ich strecke eine Hand nach dem Publikum aus und schon hat der Text eine andere Bedeutung. Und so habe ich gestern zu Sibylle gesagt: „Her mit der neuen Szene!“ Jetzt muss sie sie nur noch schreiben… wink, wink!

Dazwischen sitze ich über meinem Buch, meinem Reisebericht, der nun einen Titel hat oder zumindest einen Arbeitstitel, „Zum Glück!“ Doch auch diese Reise zum Glück verändert sich vorzu unter meinen Fingern, ihr Fokus verschiebt sich. Ich meine zu wissen, worum es geht in diesem Text, ich meine zu wissen, was ich sagen will – und im nächsten Moment merke ich, dass das gar nicht stimmt. Oder besser, dass das noch gar nicht alles ist. Dass noch eine andere Schicht darunter liegt. So wie sich die Auswirkungen, die diese Reise auf mein Leben hat, erst nach und nach zeigen. Nichts ist in Stein gemeisselt… zum Glück!

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5 Kommentare

Kommentare

  1. Regula Horlacher meint

    Auf meinem Schreibtisch steht eine kleine Uhr. Normalerweise wird sie, wenn ich den Laptop öffne, vom Bildschirm verdeckt, aber heute Morgen habe ich geputzt und offenbar beim Abstauben die Gegenstände, die sich den Platz auf der rechten vorderen Tischecke teilen, etwas durcheinandergebracht. Jedenfalls befindet sich das Ührchen jetzt nicht mehr hinter, sondern neben dem Bildschirm und somit in meinem Blickfeld. Diese kleine Veränderung hat mir zur Feststellung verholfen, dass es sich bei der Betrachtung des in kleinen Hüpfern vorwärtsrückenden Sekundenzeigers um eine angenehme Beschäftigung handelt. Zuschauen, wie die Zeit vergeht. Der Augenblick dauert exakt 2,5 mm, und man erlebt jeden einzelnen ganz bewusst. Mit ein wenig Geduld gelingt es sogar, die minimalen, kaum sichtbaren Bewegungen des Minutenzeigers wahrzunehmen. Das hätte ich nicht erwartet.

    Trotzdem: Wie komme ich dazu, einen geschlagenen Nachmittag damit zu verbringen, zwei Uhrzeiger zu beobachten? Die Antwort lautet: Ich muss üben. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, jede Woche bezugnehmend auf ein Stichwort in Milenas Input einen kolumnenartigen Kommentar in diesen Blog zu schreiben. Das hat mir bisher immer grosses Vergnügen bereitet. Sobald ich am Sonntag den Input gelesen hatte, begann ich mir Notizen dazu zu machen. Nur so nebenbei. Immer, wenn mir etwas einfiel, schrieb ich es auf. Manchmal dauerte es ein-, zwei Tage, manchmal etwas länger, aber jedes Mal war plötzlich ein Anfang da und dann ergab sich der Rest mehr oder weniger von selbst. Doch jetzt ist das plötzlich nicht mehr so! Fünf Seiten Notizen – und? Nichts! Ich komme mir vor wie aus dem Paradies vertrieben!
    Ausgebrannt? Das kann doch nicht sein! Andere liefern während acht, während zehn Jahren jede Woche eine Kolumne ab: Milena Moser, Michèle Roten, Sibylle Berg – das will ich auch können!
    Also sitze ich da und beobachte die Uhrzeiger. Honeymoon ist vorbei, von nun an heisst es arbeiten. Das kann ich, an arbeiten bin ich gewöhnt, und bei null anfangen muss ich ja nicht. „Null Uhr“ gibt es nicht auf meinem Ührchen, nur zwölf und eins. Eine Stunde ist geschenkt. Oder fünf Minuten, wie man’s nimmt. Kommt auf die Perspektive an.
    Die Sätze tröpfeln. Um sechs Uhr abends ist der kleine Text über die Uhr auf meinem Schreibtisch mit 869 Zeichen die längste Passage und jene, die mir am besten gefällt. Ich muss mich entscheiden. Offenbar spiegelt sie meine derzeitige Befindlichkeit am besten. Und dumm kommt sie mir auch nicht vor. Mal drüber schlafen.

    Die Nacht ist vorbei, der Morgen auch fast. Es ist zehn Uhr vierundvierzig-einhalb. Seit acht sitze ich wieder am Schreibtisch. Wenn ich dem Sekundenzeiger lange genug zuschaue, passt sich ihm mein Puls an.
    Nein, er ist nicht dumm, der kleine Text über die Uhr.
    Ich stelle ihn an den Anfang.

  2. Sofasophia meint

    theater und schauspiel sind fliessende texte. aber auch texte, die gedruckt sind, können fliessen und sich verändern. manchmal, wenn ich einen text ein zweites mal lese, wird er auf eine andere art lebendig. was deinen titel nur beweist. ein feiner text, der mich über die dynamik von geschriebenem nachdenken lässt …
    über musik und deren interpretation. und über das schauspiel, über dessen interpretation … es braucht bestimmt viel mut, sich auf neue impulse (während des spielens) einzulassen?! aber es lohnt sich bestimmt …

    chapeau und liebe grüsse, denise

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