Warum wir tun, was wir tun.

Ohne TitelGeduldig und leicht zwanghaft lösche ich jeden Tag über 1000 Kommentare in diesem Blog, aktuelle und die in meiner Sommerpause liegengebliebenen. Klick, klick, klick. Spam, spam, spam. Das ist übrigens eine Variante von Büchsenfleisch, die mir meine (jetzt wieder ferne) Schriftstellerkollegin Magdalena vorgestellt – aber nicht nahegebracht – hat. Vor Jahren führte sie mich in der Nähe des Strandes von Santa Cruz, wo wir uns zum Boogie Boarden trafen, in ein Lokal, das Sushi mit Spam anbot. Eine wabblige, schweinchenrosa Masse, mit einer schwarzen Algenschleife auf einem einem Reisklumpen befestigt. Ich war nicht begeistert. Sie schon. Die ehemalige Segelboot-Kapitänin hatte das seltsame Nahrungsmittel auf hoher See kennen- und offenbar auch lieben gelernt. Seither sehe ich, wann immer ich meinen Spamfilter leere, diese schweinchenrosa Scheiben vor mir. Nicht, dass ich beim Wegklicken jede Nachricht lesen würde – ganz so ausgeprägt ist meine Zwangsneurose nun auch wieder nicht – aber auch aus dem Augenwinkel ist nicht zu übersehen, dass es sich bei der absoluten Mehrheit dieser unerbetenen Angebote um Psychopharmaka handelt. Xanax, Xanax, Xanax, Valium, Valium, Xanax… sind diese Mittel nicht veraltet? Und was sagt es über mich aus, dass das mein erster Gedanke ist? Was sagt es über mich aus, dass ich mit Spam dieser Kategorie überschüttet werde? Es gäbe keine Privatsphäre im Internetzeitalter, heisst es. Und offenbar kommt irgendein Supercomputer zum Schluss, ich sei am ehesten von veralteten Psychopharmaka in Versuchung zu führen. Na gut, es sind auch Angebote für verbilligte Stiefel und Taschen dabei. Aber warum ausgerechnet Daunenjacken und hässliche  Fellröhren? Dinge, die ich nie tragen würde, und deshalb auch noch nie gekauft habe? Wenn ich schon auf meine Privatsphäre verzichte, erwarte ich doch wenigstens ein akkurates, oder noch lieber schmeichelhaftes Konsumentenprofil! Ist das zu viel verlangt? Klick, klick, klick. So geht eine Stunde vorbei. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde, wenn diese Einträge unbearbeitet blieben. Macht es überhaupt einen Unterschied? Den Erfolg eines Blogs misst man an der Anzahl der Kommentare – der veröffentlichten Kommentare, nicht des Spams. So gesehen ist dieser hier ein Reinfall. Warum führe ich ihn trotzdem weiter?

Ich tue es, wie alles, was ich schreibe, in erster Linie für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich für einen amerikanischen Freund, der kein Deutsch spricht, aber meine Lebensgeschichte relativ gut kennt, den Inhalt meines letzten Buches zusammengefasst. Er hat nur gegrinst: „So you wrote that one for your own comfort!“, sagte er. Not only that one, dachte ich. Unterdessen hat sich auch der Reisebericht, an dem ich arbeite, zu einer sehr langen Antwort auf die Frage „Warum Santa Fe?“ entwickelt. Eine Frage, die mir in letzter Zeit öfter gestellt wurde – und auf die ich die Antwort selber nicht kenne. Ich muss sie mir erschreiben. Klick, klick, klick.

Valium

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9 Kommentare

Kommentare

  1. Hans Alfred Löffler meint

    Deine Schriftstellerkollegin Magdalena geklickt, aber ::: Page Not Found
    Reason: File „www.magdalenazschokke.com“ was not found (2)!
    Dafür und in guter Erinnerung an den 19. September 2009 ein Bild aus der Mittagspause http://www.flickr.com/photos/yes2art/3950152534/

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Hans: ich glaube, die sind verwandt – komisch, mein Compi lässt mich auf http://www.magdalenazschokke.com surfen, bezw. boogieboarden!
      @ Uschi, Sonia und alle anderen „stillen“ Leser/innen: Danke für Eure Unterstützung!
      und @ Ugg Boots Inc: Beinahe hättest du mich heute erwischt mit deinem persönlichen „wollte dir auf diesem Weg einen lieben Gruss schicken, smile!“ Ha! Immer noch keine Fellatschen für mich!

    • Hans Alfred Löffler meint

      damit geht’s zum boogieboarden
      Direkt: http://www.magdalenazschokke.com

      aber im Blog klicken führt error (me only?) :
      https://milenamoser.com/blog/www.magdalenazschokke.com

      wichtig ist das nicht, Hauptsache es wurden mehr Kommentare geposted welche wiederum zu mehr Bloggenuss linken. Ich fühle mich auch wohl hier, danke Dir Milena für die Lektüre, zZt. lese ich Franz Kafka’s „Amerika“ (veröffentlicht 1927), also hat die Welt Ruhe von mir !

  2. Sucksonia meint

    Stimme ich uneingeschränkt zu! Lieber wenige, gehaltvolle Zeilen und Kommentare als endlose aneinandergereihte Monologe ohne Bezug zueinander. Mir gefällt es hier gut!
    Stille Leserin
    SUCKSONIA

  3. Uschi aus Aachen meint

    Ich lese hier auch eher still – was mit meiner ausgeprägten Bewunderung für und deshalb übergroßer Ehrfurcht vor Deinem Schreibstil zu tun hat… Lösche übrigens schon seit Tagen meine fb-Aktivitäten der letzten Jahre, das ist auch elendig viel Klick.

    • Hans Alfred Löffler meint

      „meine“ Uschi, nannte sich Ulla und war auch aus Aachen, aber einen Schreibstil hatte sie nicht, nicht das ich davon wüsste. Aber den deinigen konnte ich mir erlesen und mich an den vielen Bildern darin erfreuen! Mit freundlichem Klick nach Aachen!

  4. Sabina Haas meint

    Ich hatte das Problem auch mit den Angeboten für Taschen und sonstigen Mist. Seit ich aber meinen Spam-Filter regelmässig aktualisiere, ist das Problem beinahe fast ganz verschwunden. :-)

  5. Regula Horlacher meint

    Ja – warum tut man, was man tut?
    Warum mache ich über Weihnachten/Neujahr nicht Ferien, wie ich es mir vorgenommen habe? Warum schlafe ich nicht aus, lese, gehe spazieren?
    Warum setze ich mich hin und erarbeite eine Wunschliste, die dem Leitbild einer mittleren Firma gleicht?
    Warum? Bin ich ein Fall für Xanax??
    Ja. Höchstwahrscheinlich.

    Ich wünsche mir, dass ich mich nicht mehr schuldig fühle, weil ich mich als Ursache für etwas erkenne, das nicht so läuft, wie es laufe sollte, sich aber willentlich von meiner Seite aus nicht ändern lässt.

    Ich wünsche mir, dass sich Leute, die mich als Stachel in ihrem Fleisch empfinden, einfach nicht mehr um mich kümmern, statt mich zu bestrafen, weil ich nicht so bin, wie sie es gerne haben möchten.

    Ich wünsche mir, dass niemand mehr die Verantwortung für seine/ihre Enttäuschung auf mich abschiebt, indem er/sie mich glauben macht, ich hätte ihn/sie hereingelegt, wenn sich erweist, dass ich den Vorstellungen, die er/sie sich von mir gemacht hat, nicht entspreche.

    Ich wünsche mir, dass sich keine Personen, mit denen ich eine Zusammenarbeit vereinbart habe, mehr in mich verlieben. Oder wenn es doch passiert, dass sie es sich eingestehen und die Verantwortung für ihre Gefühle selbst übernehmen, statt sie auf mich abzuwälzen, so dass eine Zusammenarbeit auf sachlicher Basis weiterhin möglich ist.

    Ich wünsche mir viele mutige, tapfere und treue Freundinnen und Freunde.

    Ich wünsche mir, dass ich auf Menschen treffe, die mir glaubhaft das Gefühl vermitteln, Begegnungen mit mir seien für sie bereichernd, und die meiner auch dann nicht überdrüssig werden, wenn sich herausstellt, dass mein Wesen sehr viel komplizierter ist, als es auf den ersten Blick scheint.

    Ich wünsche mir, dass die Staphylokokken endlich meine Nase verlassen und nie mehr zurückkommen.

    Ob es wohl etwas nützt?
    Nun ja, vermutlich ungefähr so viel, wie jedes andere Leitbild auch.
    Nur – einen Unterschied zu all den Leitbildern von mittleren und grossen Firmen, Altersheimen und Stadtverwaltungen gibt es schon: Mein Leitbild ist eine Wunschliste.
    Ein Wunschzettel, dem Christkind aufs Fensterbrett gelegt.

  6. S(tef)unny meint

    Ich protestiere ! „Den Erfolg eines Blogs misst man an der Anzahl der Kommentare. “
    Es gibt eine Kategorie Blogger, die würden sogar die Spamkommentare zählen – und damit wärest Du dann sicher unter den führenden Blogs ;-)
    Mann misst den Erfolg damit.
    Kommerzeille Blogs messen sich daran.
    Aber nicht unbedingt Blogger-Blogs.

    Und ja: Es macht einen Unterschied, ob man die Spams löscht: Das weist einen Blog als gehegt und gepflegt aus !

    Und: die vielen stillen LeserInnen, die nicht kommentieren, sollten nie nicht unterschätzt werden.

    Aber dafür müssen wir uns ab und an doch mal zu Word melden.

    Viele liebe Grüße
    Stefunny

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