Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Jetlag. Bis drei Uhr morgens lese ich, bis fünf Uhr liege ich im Halbdunkel, die Augen geschlossen, zähle meine Atemzüge. Bin ich das, die hier wachliegt, oder ist es die noch namenlose blonde Romanfigur, die in einem ihr noch fremden Bett liegt, in einem noch fremden Zimmer, und ihre Atemzüge zählt? Der quälende Schmerz direkt unter der Haut, der meine Arme auf und ab wandert – meine Arme? Nevadas Arme?

Eine Freundin, die den Buddhismus studiert, versucht mir das Konzept der Auflösung des Ich zu erklären. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht das damit meint. Dieses Zerfallen in viele, in andere. Aber es ist angenehm. Es ist – auf seine Art – erlösend.

Nevada braucht jetzt immer einen Stock. Sie hinkt in eine Turnhalle, unterrichtet eine Gruppe Teenager, die bei ihrem Anblick verlegen kichern, verstummen. Teenager…. die Tochter? Die blonde Frau hat eine Tochter? Ein dickes Mädchen?

Die Mädchen stehen im Krieger. Eines fällt um.

Plötzlich überschlägt sich alles. Jetzt könnte ich zehn verschiedene Plotlinien planen. Wenn man mich jetzt fragen würde, worum es in meinem neuen Roman (Roman?) geht, würde ich aufgeregt wie ein Kind drauflosplappern: Es ist eine Art Fortsetzung der Montagsmenschen, an einem neuen Ort, mit neuen Figuren, nur Nevada ist noch dabei, es geht um Mädchenbanden und Lebensentwürfe und ahja, jemand stirbt und….

Normalerweise sage ich zu diesem Zeitpunkt gar nichts. Weil ich ja genau weiss, dass sich das noch hundertmal ändert. Einmal habe ich einem Verleger erzählt, ich versuche mich an einer Fortsetzung der Putzfraueninsel. Das war nicht einmal gelogen. Ich stellte mir vor, wie Irma in der Siedlung, die ich beschrieb, als Putzfrau arbeitete, ihren kühlen Blick durch alle Wohnungen schweifen liess – doch Irma weigerte sich. Sie tauchte einfach nicht mehr auf. Warum sollte sie auch? Sie war versorgt. Lebte irgendwo glücklich und zufrieden und ohne Geschichten, dafür mit Eugen, vermute ich mal. Der Verleger  war nicht begeistert, als ich ihm den total putzfrauenfreien Roman „Blondinenträume“ ablieferte – dabei konnte ich doch wirklich nichts dafür! Interessanterweise wurde in der Verfilmung eine Putzfrau eingebaut…

Nun habe ich versprochen, alle Phasen des Schreibprozesses zu teilen, und so auch jede flüchtige Vermutung, worum es in dieser Geschichte gehen, und wer daran beteiligt sein könnte….

Und jetzt öffne ich auch ein neues Dokument im Computer. Nach langem Hin und Her (Blond? Neu?) nenne ich es: Nochmal Nevada.

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Leser-Interaktionen

6 Kommentare

Kommentare

  1. Karin meint

    Hallo Regula,

    der Krieger ist eine Yoga-Haltung, die Gleichgewicht, Kraft und Konzentration fordert. Ähnlich wie schreiben.

    Liebe Milena,
    danke! Ich lese vergnügt und inspiriert und schreibe unentwegt!
    Karin

  2. Regula Haus-Horlacher meint

    @Milena: Bei mir scheint der Jetlag im Kopf stattzufinden. Die Rahel-Geschichte artet immer mehr in einen inneren Monolog aus. Dazwischen nur noch ganz kurze Angaben was sie gerade macht, zum Beispiel: „Rahel sass vor dem Fernseher und sah sich die Wettervorhersage an, während Fredi mit seiner Mutter telefonierte.“ Und dann beginnt sich in ihrem Gehirn eine lange Abhandlung über Fredis Mutter abzuspulen.
    Geht das?, frage ich mich, und das Schreckgespenst von 10 (zehn!) Lea-Überarbeitungen krallt sich in meinem Nacken fest, so dass ich die Schultern hoch- und den Kopf einziehe.
    Dabei wollte ich doch diesmal gleich von Anfang an alles richtig machen!
    Herzlichst
    Regula

    PS: Was bedeutet „Die Mädchen stehen im Krieger?“

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Regula: Auf die Frage „geht das?“ gibt es nur eine Antwort, immer dieselbe: Ja! Klar! Je verrückter dir der Gedanke erscheint, umso besser: dann weisst du, dass du etwas wirklich Neues schreibst. Ich bin ja mal gespannt! Und – wie man von Anfang alles richtig macht, kannst du ja hier im Blog nachlesen…. hahahaha….!
      Der Krieger ist eine Yogastellung.

    • Regula Haus-Horlacher meint

      @Milena und Karin: Natürlich, eigentlich wüsste man es. Man müsste sich nur der Stimme des Herzens anvertrauen und die würde einem dann schon durch die Geschichte führen und irgendwann auch ans (richtige = ) Ziel bringen. Aber eben… auf einmal steckt man wieder wie Lea in dieser Berghütte fest, weil die Strasse zugeschneit ist und die Schneuze wegen der Lawinengefahr nicht durch kann. Und wenn der Schnee dann nach drei Tagen schmilzt, wagt man es – buchstäblich von allen guten Geistern verlassen – trotzdem nicht, sich vom Fleck zu rühren, denn die Angst vor der Lawine hat sich bereits im Gehirn eingenistet. Phantomangst nennt man das, glaube ich, ein Jetlag im Kopf. Na ja.
      Danke euch für die Erklärung, was „im Krieger stehen“ heisst und liebe Grüsse
      Regula

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