Tage der Schildkröte.

Komisch – oder logisch? – dass ich gerade jetzt das Bedürfnis habe, den stillgelegten Blog wieder aufzunehmen. Ihn auszuschütteln wie eine alte Strickjacke, die ein paar Jahre lang ganz hinten im Schrank hing. Ungenutzt und fast vergessen. Staub wirbelt auf, es riecht ein wenig abgestanden und möglicherweise sind da ein paar Mottenlöcher. Aber kaum schlüpfe ich versuchshalber in die Ärmel, fühlt sich die alte Jacke sofort wieder vertraut an.

Und Vertrautes ist jetzt besonders wichtig. Jetzt, wo so ziemlich jeder Stein wackelt, auf dem ich mein neues Leben aufgebaut habe. Wo sich jede Gewissheit in Luft auflöst – und ich hatte noch nie sehr viele davon. Ich greife auf meine bewährten Heilmittel zurück: Lesen und Schreiben.

Blog, es stellt sich heraus, ich brauche dich!

Ich brauche dich in diesen Schildkrötentagen der erzwungenen Zurückgezogenheit, die zu Wochen werden, Monaten vielleicht. Obwohl mir dieses drastische Herunterfahren der Aktivitäten, das strikte Vermeiden von zwischenmenschlichen Kontakten einem gar nicht so fremd ist. Als Bücherwurm. Als Partnerin eines „gesundheitlich herausgeforderten“ Mannes. Aber das Bedrohliche dieser Situation geht nicht an mir vorbei.

Bald fünf Jahre ist es her, dass ich die 8681 Kilometer Distanz zwischen Aarau und Santa Fe zurückgelegt habe. Unterdessen lebe ich in San Francisco und bin noch ein bisschen weiter weg von dem, was ich kenne und denen, die ich liebe. Es sind genau 9341 Kilometer, die mich jetzt von meinen Söhnen, meiner Mutter, meinen Freundinnen trennen. Die alle in der einen oder anderen Form meine Hilfe brauchen könnten gerade jetzt. Gerade jetzt, wo das nicht mehr möglich ist.

Nicht, dass ich meinen Schritt bereue. Ich bin bis ins Knochenmark dankbar für dieses Leben, das ich mir hier aufgebaut habe, für das Geschenk dieser letzten Liebe, für die verlässlichen Freundschaften. Doch es erschüttert mich, zu merken wie selbstverständlich ich davon ausgegangen bin, dass alles so funktionieren würde, wie ich mir das ausgedacht hatte. Dass ich jederzeit ins Flugzeug steigen konnte, wenn ich in der Schweiz gebraucht wurde. Dass ich zweimal im Jahr eine Lesereise und vielleicht einen Kurs durchführen und so unseren Lebensunterhalt hier finanzieren würde. Dass meine Söhne mich hier besuchen, wo sie ja auch Freunde haben, eine Geschichte, eigene Erinnerungen. Das bricht jetzt alles in sich zusammen. Ich muss jetzt – wie alle anderen auch – ganz gewaltig umdenken.

Ein bisschen kommt es mir vor wie früher, wenn eins der Kinder einen prekären Klötzchenturm errichtete, immer höher und höher, immer wackeliger und wackeliger wurde die Konstruktion, so dass wir schon den Atem anhielten, bevor sie jedes Mal unaufhaltsam, krachend in sich zusammenfiel.

Mein Glück: Ich habe schon so oft wieder ganz von vorne angefangen, ich weiss, dass ich das kann. Und ich weiss auch, dass grundlegende Veränderungen immer ein Opfer fordern. Ich habe schon so viel verloren, und so viel geschenkt bekommen. Das hilft mir jetzt. Der nächste Turm wird vielleicht weniger hoch. Vielleicht dafür stabiler. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht machen wir ganz ohne Klötzchen weiter. Doch was wir jetzt erleben, wird uns für immer prägen. Was wir jetzt lernen, wird uns bleiben.

Und in dieser aufgezwungenen Isolation spüre ich plötzlich auch das: Eine grössere Verbundenheit, ein neu erwachtes Bewusstsein dafür, dass wir nicht allein sind. Dass ich nicht nur für mich und mein kleines Leben verantwortlich bin, sondern für das Überleben der Gemeinschaft. Was immer passiert, wie immer es weiter geht, dieses Bewusstsein kann ich nicht mehr ablegen.

Wir betreten Neuland, will ich sagen. Das ist nicht nur schlecht. Doch es ist ein Abenteuer, auf dem ich den Trost des Vertrauten brauche. Eine Reise, die ich in diese alte, hinten im Schrank vergessene Strickjacke gekuschelt, die mein Blog ist, leichter antrete …..

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2 Kommentare

Kommentare

  1. Heidi Nolden meint

    Logisch! Das ist logisch! Man tritt eine Reise, gerade eine Reise ins Ungewisse, immer gerne mit mindestens einem bekannten Teil an. Nun ist es für Sie dieser Blog, den Sie aktivieren, heraus kramen wie eine alte Strickjacke. Jeder braucht so eine alte Strickjacke, und ich hoffe, jeder hat auch mindestens eine alte Strickjacke. Meine alte Strickjacke ist eine uralte Mappe mit gesammelten Zeitungs- und Zeitschriftenreportagen, die mich interessierten. Jetzt hole ich sie wieder hervor und stöbere darin. Manches gibt mir eine neue Idee, eine Motivation etwas Neues zu versuchen. Schön! Inspirierend! Ich freue mich auf das nächste Mal, wenn Sie Ihre Strickjacke wieder anziehen!

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