Sinnlos Schreiben.

«Aber was kommt denn dabei heraus? Kann da wirklich was Rechtes bei rauskommen?» Das ist wohl die häufigste Frage, die mir während des Nanowrimo gestellt wird. Diese spezifische Herausforderung besteht nämlich einfach darin, in dreißig Tagen 50’000 Worte aneinanderzureihen. Niemand kontrolliert, ob es auch «gute» Worte, schöne Worte, druckreife Worte sind. Oder ob das Geschriebene überhaupt einen Sinn ergibt. Ausserdem trägt man die Wortzahl am Ende des Tages selbst ein. Man könnte also durchaus schummeln. Oder, noch schlimmer, am Ende der dreißig Tage ohne vorzeigbares Ergebnis dastehen.

Da sage ich nur: «Gschääch nüüt Schlimmers!»

Warum muss Schreiben immer mit einem Ziel verbunden sein? Warum muss immer «etwas» dabei herauskommen, und warum muss man das schon abklären, bevor man überhaupt das erste Wort schreibt? Und vor allem: Warum wird diese absurde Forderung, immer ein vorzeig- und möglichst auch verkaufbares Ergebnis zu erzielen, nur ans Schreiben gestellt?

Musiker und Musikerinnen packen schließlich auch bei jeder Gelegenheit ihre Instrumente aus, musizieren und singen mit Freunden und Fremden, auf Reisen und mit kleinen Kindern. Niemand fragt sie, ob diese Session auch aufgenommen würde und bei welcher Plattenfirma sie unter Vertrag seien.

Wenn mein Mann unterwegs sein Skizzenbuch hervorkramt, und selbstvergessen einen Totenkopf skizziert oder den postkartenschönen Blick aus einem Fenster der Uniklinik wiedergibt, dann frage ich ihn nicht, wer denn dieses Bild in Auftrag gegeben habe, und ob schon eine Galerie daran interessiert sei.

Als junge Frau war ich hin und wieder in einer Tänzerinnen-WG zu Besuch. Fasziniert beobachtete ich, wie diese Ballettratten keine Minute stillsitzen konnten. Sie wirbelten durch die kleine Küche, hüpften über die Möbel, durchsichtig und grazil wie Libellen (wobei sie aber auch, entgegen aller Vorurteile, beachtliche Mengen an blutter Pasta verdrückten). Sie bewegten sich, weil sie nicht anders konnten. Und sie beschränkten sich dabei nicht auf die Opernhausbühne, sie warteten nicht, bis die Schweinwerfer eingeschaltet waren. Sie tanzten, um zu tanzen.

Genau so schreibe ich. Meine Novemberwörter werden von längeren Geschichten verschluckt, an denen ich meist mehrere Jahre lang arbeite. Am Ende kann ich nicht mehr sagen, was «dabei» herausgekommen ist. Keines meiner Bücher ist in einem Monat entstanden.

Nur einmal, vor mehr als fünfzehn Jahren, schrieb ich tatsächlich eine ganze Geschichte vom ersten bis bis zum letzten Satz während dieses Nation Novel Writing Month. Ich erinnere mich nur noch verschwommen daran: Es war ein Krimi, der in San Francisco spielte. Die Hauptfigur war eine junge Wahrsagerin mit dem schönen Namen Monday Morning, die von seltsamen Visionen zu einer Serie von scheinbar nicht zusammenhängenden Morden heimgesucht wurde. Ausserdem war sie heimlich in den Bürgermeister der Stadt verliebt, vielleicht hatten sie sogar eine Affäre, das weiß ich nicht mehr. Ein melancholischer, übergewichtiger Polizist kam auch darin vor, der von seiner Frau geplagt wurde. Es war keine schlechte Geschichte. Vor allem hat es unendlich Spaß gemacht, sie zu schreiben.

Doch als ich sie später noch einmal durchlas, eigentlich mit der Absicht, sie meinem Agenten zu schicken, war ihr Zauber verflogen. Sie berührte mich nicht mehr. So legte ich sie weg. Ohne zu zögern. Ohne mich zu ärgern. Ich war nicht enttäuscht und schon gar nicht verbittert. Ich fand auch nicht, ich hätte meine Zeit auch besser nutzen können. Nein: Die Geschichte hatte ihren Sinn erfüllt. Sie war mein Tanz durch die Küche, mein Lied unter der Dusche, mein grösster Luxus, sie war ein Akt der Selbsthingabe: Schreiben um des Schreibens willen. Schreiben aus purer Freude am Schreiben.

Das, meine Lieben, das ist der Sinn.

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