Wer muss, muss.

Women+and+Cigarettes,+ca.+1950s+(3)Eins meiner liebsten Bücher aller Zeiten, sozusagen meine Bibel ist „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf. Und eins der wenigen deutschsprachigen, die ich in meine Zügelkiste gepackt habe – zusammen mit „Fremde Signale“ von Katharina Faber.  Arbeit und Struktur ist das, was ein Leben ausmacht, was einen Menschen zusammenhält. In den letzten sechs, sieben Jahren hatte ich eher zu viel davon. Meine Struktur war so eng geknüpft, da war keine Luft zum Atmen zwischen den Maschen – aber auch keine Löcher, in die ich hätte fallen können. Meine Arbeit hielt mich bis zuletzt. Damals sah ich mich oft als überforderte Jongleurinmit rotierenden Krakenarmen, die sieben Bälle gleichzeitig in der Luft hält. Doch jetzt wird mir bewusst, dass ich der Ball war, in der Luft gehalten von meinem Terminkalender, meinen Aufgaben, meinen Deadlines. Jetzt hat mein Leben die Arme sinken lassen. Ich schwebe. Oder ich hänge? „Eigentlich müsstest du jetzt eine Monsterdepression haben“, sagt eine Freundin. Ich bin darauf gefasst. Doch ich falle nicht – noch nicht?  Ich schaue mich um. Da ist so viel Luft, so viel leerer Raum, so viel Nichts. Die Versuchung ist gross, diese weissen Flächen auszumalen, den Platz zu füllen. Doch ich halte mich zurück. So gut ich kann, so lange ich kann. Ich möchte hier leben, in diesem luftleeren Raum. Ich möchte atmen. „Zeit haben, das muss man auch erst einmal aushalten!“, sagte Sibylle Aeberli in unserem letzten (im Nachhinein erstaunlich prophetischen) Bühnenprogramm.

Hier bin ich. Zum ersten Mal in meinem Leben nur auf mich gestellt, nur mir selber verpflichtet. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich tun und lassen, was ich will. Mindestens eine Zeit lang. Aber was ist das nun? Wie will ich leben, was will ich tun? Quertanzen? Spanisch lernen? Strassenkinder oder streunende Hunde adoptieren?

Fast automatisch falle ich in meinen „alten“ Rhythmus zurück, meine amerikanische Routine, die sich sowohl in Santa Fe wie auch in San Francisco fast wie von selber ergeben hat: Ich stehe früh auf, ich übe Yoga, suche eines meiner vielen Lieblingscafés auf, bestelle ein Stück Kuchen und den ersten von vielen doppelten Espressi – eine Gewohnheit, die ich immer öfter verteidigen muss, die coffeeshopbetreibende Hipstergeneration schwört ja wieder auf Melissa-Filter-Kaffee. Irgendwo habe ich gelesen, dass man alt ist, wenn man einen Trend zum zweiten oder dritten Mal mitmacht. Also, Espresso, Kuchen, ich finde einen Platz am Fenster und klappe meinen Laptop auf. Ich schreibe.

Ich könnte alles tun. Auf Berge klettern, Filterkaffee trinken, auf dem Dach schlafen, die Matur nachholen. Doch was tue ich? Das, was ich immer schon getan habe.

Neulich stolperte ich an einer Gartenparty über einen schreibenden Arzt, der mir so lustig von seinem Buch erzählte, dass ich es gleich kaufen musste  (mehr dazu, wenn ich es gelesen habe). Und jetzt? Das Schreiben falle ihm schwer, sagte er. Es falle ihm nichts ein. „Mein Schreibcoach sagt, ich solle warten, bis ich das Gefühl habe, ich könne nicht anders.“ Ich nicke, guter Rat, denke ich, sage ich vielleicht auch laut. Mich selber juckt es schon den ganzen Abend. Die Party macht mich kribbelig, im guten Sinn. Über die Bäume will ich schreiben, deren Äste so tief in den Garten hängen, dass sie Teil der Gesellschaft werden, über das gebrochene Licht, die Gäste, die bunte Kleider tragen und grossen Schmuck, die weisse Haare haben oder schwarz gefärbte, die Instrumente mitgebracht haben und kiloweise Zitronen vom eigenen Baum, die dieselben Lieder singen wie letztes Jahr, wie jedes Jahr – oder auch nicht, ich bin ja zum ersten Mal da. Ich weiss, wovon der Mann redet – beziehungsweise sein Schreibcoach: Ich werde das aufschreiben müssen. Ich kann nicht anders.

„Schreiben ist nun mal nicht meine Leidenschaft“, sagt er, etwas trotzig vielleicht. „Meine Leidenschaft ist es, Kindern in Afrika das Leben zu retten!“

„That’s great!“, sage ich. „That’s wonderful!“ Ich meine, wer würde das Leben von Kindern gegen Buchstaben und Sätze aufrechnen? Niemand, oder? Oder ist es genau das, was ich höre, was in seiner Stimme mitschwingt?

Das kann ich nur herausfinden, wenn ich es schreibe.

Als ich gerade eben den schönen Film über Katharina Faber verlinkte, schaute ich ihn mir selber wieder einmal an. Ich weiss nicht, wie oft ich ihn schon gesehen habe, ich entdecke immer etwas Neues. Etwas, das ich noch nicht wusste. Obwohl, oder gerade weil wir Freunde sind. Diesmal hörte ich einen Satz, von dem ich schwören könnte, ich hätte ihn gesagt. Nein, ich weiss, dass ich genau das auch schon gesagt habe, genau so:

„Ich schreibe. Mehr kann ich dazu nicht sagen.Wie: Ich atme. Oder: Ich esse.“

 

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11 Kommentare

Kommentare

  1. Frau Mohr meint

    Vielleicht ist es auch einfach ein anderes Gefühl, zu schreiben weil man es möchte und nicht „muss“, weil ein Abgabetermin im Nacken sitzt.
    Freizeitschreiben quasi ;)
    Danke für deine Buchtips, die habe ich mir jetzt mal beide bestellt!

  2. Hans Alfred Löffler meint

    Tja, meine WebSite ist weg, etwa 1000 Seiten gibt es nicht mehr. Deshalb steht da oben jetzt der Link zu meiner Facebook Seite. Ob ich traurig sei? Nein, ärgerlich schon. Alles, alles geht vorbei, doch ich bleib Dir treu … wussten Sie schon, gut! Wussten Sie auch das eine Milena Moser „Das Geheimnis der Goldmine“ von Agatha Christie übersetzt hatte, vom Englischen ins Deutsche. Das Buch gibt’s zu kaufen als Kindle-Edition seit ein paar Tagen bei Amazon.de … tja, ich hab’s gelesen und fand es sehr gut. Es war mein erster Krimi, denn die anderen zählen nicht. Und ich glaube auch nicht, dass Milena einmal aufhört zu schreiben, Glaube ist das Einzige was mich zu dieser Aussage veranlasst. Wissen Sie, ich lese sehr gerne etwas von Milena Moser, und von Zeit zu Zeit versuche ich auch andere Autoren zu mögen, kurzfristig stellt sich auch ein, und dann beginne ich wieder mit MÖCHTEGERN, das ist immer noch gut, sehr gut sogar, ich Möchtegern das es so bleibt.

  3. Ruth Oesch meint

    Liebe Milena
    Die Lebensphase, welche Sie zurzeit ganz bewusst leben, nenne ich ‚abliegen vom Leben‘. Das tut wunderbar gut. Der Zeitpunkt kommt von ganz alleine, wo man sich wieder mit ganzer Lebenskraft der Fülle des Lebens zuwendet.
    Geniessen Sie diese Zeit, es ist eine gute Zeit.

    Weiterhin viel Freude in Santa Fe. Ruth

  4. lisa meint

    santa fe – wie schön!
    es ist die einzige stadt, die ich wieder sehen will, wenn ich am montag abfliege in die usa.
    für vier wochen nationalparks durchstreifen. die wolken und die sterne beobachten.
    und santa fe besuchen!

  5. regenfrau meint

    Liebe Milena,

    es juckt dich zu schreiben, du tust es ganz automatisch, es ist für dich wie essen und schlafen… Also warum solltest du es nicht tun? Klar kannst du mal zwischendurch auf Berge steigen, und nach einer Dachübernachtung Filterkaffee trinken, aber noch schöner, wenn du jetzt ohne Abgabetermine und Verträge mit dem Verlag bemerkst, wie gerne du trotzdem/gerade deshalb/immer wieder/immer noch schreibst. :)
    Das klingt so wunderbar entspannt – schön!

  6. Denise meint

    Ich freue mich, dass du es geschafft hast. Den Absprung. Den Neuanfang. Und die Depression muss überhaupt nichts. Die kann dich mal.
    Du machst dein Ding, so what?

    Ich freue mich über diesen kleinen Text, weil er einmal mehr Mut macht.

    Danke dir!

  7. Edi meint

    Ich arbeite, habe unendlich viel Struktur und passe einfach nicht durch die Lückchen. Werde aber irgendwann in meinem Zirkuswagon im Garten meines Sohnes leben und die Enkelchen hüten. Er ist jetzt schon 12, mein Sohn, da darf man schon mal an die Zukunft denken – oder?

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