Die Ruhe vor dem Sturm.

Probenfreie Woche. Wir basteln an unseren Texten. Sib ist krank, wir schicken uns Entwürfe hin und her, bringen Änderungen an, es ist nicht dasselbe. An den Proben entstehen die Dialoge organisch, am Schreibtisch – „Schreibtisch“ in Anführungszeichen – fallen sie auseinander, sie verhaken, verkrampfen sich. Seltsam, sonst ist es umgekehrt: Meine Texte breiten ihre Flügel am liebsten und am weitesten hinter verschlossen Türen aus. Überhaupt gilt für diese Arbeit alles nicht, was sonst gilt, funktioniert nicht, worauf ich mich sonst verlasse. Zum Beispiel behalte ich entstehende Texte normalerweise für mich. Je weniger ich über sie  rede, sie zerrede,  desto besser. Das macht mich zu einer absolut hoffnungslosen „Pitcherin“. Wenn ich an Redaktionssitzungen oder Verlagsbesprechungen ein neues Projekt vorstellen soll, stammele ich hilflos: „Ja, ähh….. irgendwas mit einem Auto und einer Frau oder vielleicht ist es auch ein Mann, also so genau weiss ich das nicht…“ Lieber lege ich den fertigen Text vor, der sich selbst erklärt. Und auch dann weiss ich meist nicht mehr darüber zu sagen als: „Lies es halt!“ Erstaunlicherweise schätzen die Redakteure und Verleger diese Haltung, da sie weit öfter mit dem umgekehrten Phänomen konfrontiert sind: Begnadete Pitcher, die brilliante Ideen präsentieren, aber keine Lust haben, sich auch hinzusetzen und sie auszuführen… (Vielleicht könnte man sich zusammentun??)

In meinen Kursen empfehle ich mit ungewohnter Strenge: „Redet über alles, nur nicht über euer Schreiben!“ Dabei denke ich an meine allererste Yogastunde bei der unvergleichlichen Alice Joanou, die damals noch viel strenger und traditioneller unterrichtete als heute. (Auch sie ein Opfer der Altersmilde!) Ich war gut zehn Jahre älter als alle anderen im Studio, ein Gschtabi, ein Couchpatatoe, das versuchte ich ihr zu erklären, versuchte mich zu erklären, meine vergleichsweise Unbeweglichkeit wegzureden. Mit einem Blick brachte sie mich zum Schweigen und ich war allein. Allein mit meinem Atem, allein mit meinem Körper. Einatmen, Arme hoch. Ausatmen, vorbeugen. Meine Fingerspitzen berührten einmal meine Kniescheiben, ein andermal meine Knöchel, es bedeutete nichts. Ich kommentierte es nicht, ich bewertete es nicht, ich tat es einfach. Einatmen, ausatmen. Ein Wort an das andere reihen. Was für eine Erleichterung. Die Worte breiten sich aus, sie berühren den Himmel, sie fallen unter die Erde. Ohne Kommentar. Ohne Vergleich. Ohne Rechtfertigung. Das ist Freiheit.
Ich rede nicht über meine Texte, ich gebe sie niemandem zu lesen, so lange sie in diesem empfindlichen Rohzustand sind, in dem sie ein Blick, ein Stirnrunzeln, ein unbedachtes Wort zum Einsturz bringen können. Ich schütze sie mit meinem Schweigen.

Doch das alles funktioniert hier nicht. Jetzt lerne ich eine andere Art zu schreiben: Im Gespräch. Im Dialog. Entsteht ein Dialog. Logo.

Und warum setze ich Schreibtisch in Anführungszeichen? Sib hat Rückenschmerzen. „Wie machst du das“, fragt sie, „wie hältst du das aus, tagelang am Schreibtisch zu hocken?“

Am Schreibtisch zu hocken? Wie kommt sie denn auf so etwas? Meine Lieben, ich schreibe selbstverständlich im Liegen!

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8 Kommentare

Kommentare

  1. Hans Alfred Löffler meint

    bitte auch das Kleingedruckte beachten: „design damenbart / typo3 ditschgi“ und vielleicht ein bisschen Wiederholung, so und unvollendet:
    Es geht nicht oder doch und auch,
    nichts verbrochen, nicht gelogen, alles wahr, wunderbar, ganz klar!
    Ich verneige mich vor Dir, gestatte es mir, mich zu biegen,
    Dich zu betrachten auch, denn, Du bist wie immer
    vielleicht sogar schlimmer: Du schreibst im Liegen!

  2. Regula Horlacher meint

    Ich habe etwas herausgefunden: Ich glaube, mit Hilfe des Dialogs kann man selbständig denken lernen! Man lernt Zusammenhänge erkennen. Der Dialog zwingt einen, dem Gegenüber gut zuzuhören, wenn man ihm adäquat antworten will – und das will man ja im Normalfall. Nur schon, um nicht für geistesgestört gehalten zu werden.
    Mit einer vertrauten Freundin im laufenden Prozess einen Theater-Dialog zu erfinden – ich glaube, eine bessere, d.h. schonendere Möglichkeit, für den alltäglichen Überlebenskampf zu trainieren, gibt es wohl kaum.

    Ich geniesse mein zurückgezogenes Leben am Schreibtisch, das mir im Moment zu führen vergönnt ist, sehr. Das liegt, abgesehen davon, dass ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, auch daran, dass sich mein alltäglicher Überlebenskampf auf ein erträgliches, ja, sogar angenehmes Mass beschränkt. Sozusagen auf eine Coop-Kasse.
    Alle etwa zehn Tage kaufe ich im Coop acht Becher Bio-Joghurt, drei Flaschen Flauder, immer dieselben drei Sorten Tee und ein Doppelpack Zahnputzkaugummi mit Grünteegeschmack. Der Dialog, den ich mit der Kassiererin führe, oder besser sie mit mir, ist rudimentär, das liegt in der Natur der Sache: „Grüezi – grüezi – haben Sie die Supercard? – nein – das macht vierundzwanzig achtzig – danke, nehmen Sie Märkli? – nein, danke.“

    Wer schreibt, produziert Zwischentöne. Und ich behaupte: Wer sich vor seinen eigenen Zwischentönen fürchtet, schreibt nicht.
    Auch wer spricht, produziert Zwischentöne. Nur sind sie kurzlebiger – und deshalb kaum nachweisbar. Aber sie sind da, und sie können einem das Leben schwermachen. Sogar an der Coop-Kasse.
    Ich habe gelernt: Es ist möglich, bei einer Kassiererin eine schlechte Stimmung hervorzurufen, ja sogar, sie gegen einen aufzubringen, wenn man sich wie ich in regelmässigen Abständen mit einer überschaubaren Menge immer derselben Produkte eindeckt. 8 Becher Bio-Joghurt, 3 Flaschen Flauder, 3 Schachteli Teebeutel, jedes Mal dieselben drei Sorten, und einem Doppelpack Zahnputzkaugummi, jedes Mal mit Grünteegeschmack.

    Es ist unvorsichtig von mir, dies zu behaupten. Ich würde diese Geschichte besser für mich behalten. Die Reaktionen, die ich gewöhnlich bekomme, wenn ich etwas Derartiges erzähle, treffen bei mir einen empfindlichen Nerv.
    „Das bildest du dir nur ein, es gibt keine Zwischentöne!“, ist eine davon. Die vertrauteste und schmerzhafteste.
    „Ach was, die meint das doch nicht persönlich! Du bist eine dieser Kundinnen, die nur zwei-, drei Sachen im Coop kaufen und den Rest in der Migros, das ärgert sie vielleicht ein bisschen …“, ist eine andere, die etwas weniger schmerzt, aber immer noch genug.

    Ja, die Kassiererin ärgert sich. Nicht nur ein bisschen und jedes Mal mehr. Und sie ärgert sich nicht über irgendeine Kundin, sondern über mich persönlich, weil ich sie mit meinem Flauder vor ein Rätsel stelle, das sie nicht lösen kann. Das ist meine Vermutung. Wenn ich wenigstens Rotwein kaufen würde oder Wodka, dann könnte sie mich einordnen, aber Flauder?? Sie fühlt sich von mir veräppelt, herausgefordert, nicht ernst genommen, irgendetwas, was genau, weiss ich nicht. Ich könnte darüber hinwegsehen und mir sagen, die geht mich nichts an, ist schliesslich nur eine Kassiererin.
    Ausserdem bin ich ein freier Mensch! Sollte ich etwa nicht das Recht haben, alle zehn Tage im selben Laden dieselben Produkte einzukaufen?? Das wäre ja noch schöner!

    Ja, natürlich. Eigentlich geht es diese Frau an der Kasse überhaupt nichts an, was, wie viel und wie oft ich im Geschäft, in dem sie arbeitet, einkaufe. Aber sie ist ein Mensch, kein tippender Roboter.
    Es hat keinen Sinn, mich zu empören und auf mein Recht zu pochen. Es hat weder Sinn, denen zu glauben, die mir einreden wollen, ich bilde mir die Zwischentöne nur ein, noch denen, die mir weismachen wollen, ich sei nicht persönlich gemeint. Beides habe ich den grössten Teil meines Lebens versucht, es hat nicht geklappt.

    Ich bin für diese Kassiererin keine blosse Nummer, und sie ist es nicht für mich. Ich muss mich mit ihr auseinandersetzen, ob ich will oder nicht – und obwohl, sachlich betrachtet, gar keine Auseinandersetzung möglich ist: Ich kann sie ja nicht gut fragen, ob sie etwas dagegen habe, dass ich jeweils in zehn Tagen acht Bio-Joghurts esse, und wenn ja, was? Ich kann sie nicht einmal fragen, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei.

    Wie und was auch immer: Ich stehe nicht über dieser Sache. Inzwischen habe ich mir eine Supercard besorgt. Kostet ja nichts. Ausserdem habe ich am letzten Donnerstag zusätzlich eine Tomate, zweihundert Gramm gehacktes Rindfleisch und zwei Weggli gekauft. (Hamburger, ja. Selbergemachte. Das mag ich ab und zu.)
    Aber weiter gehe ich nicht.
    Oder doch, vielleicht – kann jemand von euch Märkli brauchen? ;-)

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Regula: Wie immer er dazu gekommen ist, bin ich froh, dass du dir den Hamburger gegönnt hast. Von Bio-Yoghurt und Tee kann keine Schriftstellerin leben! Ansonsten empfehle ich wie immer, die Kassierin samt ihren Zwischentönen und Seitenblicken in eine Geschichte zu verpflanzen.

    • Hans Alfred Löffler meint

      wie sich das trifft! Ich habe seit 3 Tagen auch eine Supercard, weil ich auch immer das Gleiche bei Coop einkaufe, obwohl die wechselnden KassiererInnen sich meine Flasche nicht merken können und den Namen des Labels auch nicht und einmal liess ich sogar meine Kreditkarte dort stecken … aber ich liess auch schon mein Handy liegen in einer fremden Stadt usw. Und Deine Dinge die Du kaufst, genau die gleichen kaufe ich auch mal nur um zu sehen ob die in meinem Coop (meinen Cööpern) genau so viel kosten – bin halt gwunderig und ja, Märkli bräuchte ich auch, für A-Post wenn’s recht ist, ich schreibe auch, Briefe meistens, über die sich der/die Empfänger/in vielleicht ärgert, weil Briefe eben gefährlich sind, nur wenn man sie liest … den letzten Brief den ich bekam war ungefährlich, das waren zwei SuperCards drin … bis dahin war’s nur Geplauder, demnächst mit Flauder ;-)

    • Regula Horlacher meint

      @Milena und Hans:
      Heute 3 Ragusa gekauft. SchriftstellerInnen brauchen Schokolade. Ausserdem habe ich wieder ein Kapitel fertig. Gerade rechtzeitig für die Eingabe bei Pro Helvetia. Das musste gefeiert werden mit einer Extraportion Süssigkeiten :-)

  3. Pallecchi Barbara meint

    Liebe Milena, ein Trick der Wechseljahre, sich auf diesem Weg in das Leben einer Schreiberin einzuschleichen? Vielleicht sind diese unliebsamen W-Phänomene genauso raffiniert wie der Affengeist? – Das muss nicht unbedingt auf den Blog, aber jetzt weisst du es: auch ich bin eine stille, treue und dankbare Zaun-Gästin auf deinem Blog. Durch einen unbeabsichtigten Klick auf die Favoritenleiste hat er sich im Dezember geöffnet und siehe da, da waren aktuelle Einträge. Ich habe mich gefreut und bin mit Neugier und Vergnügen wieder dabei! Sei herzlichst gegrüsst, Barbara

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