John sagt.

Letzte Woche habe ich einen Film über John Irivng gesehen, „John und wie er die Welt sieht“. Eine Freundin hat ihn mir mit den Worten „So stell ich mir deinen nächsten Mann vor“ ausgeliehen. Und tatsächlich hab ich mich sofort verliebt. Alter Mann mit Springseil! Hände im Pizzateig! Umwerfend. Aber solche Männer, auch das wird im Film schnell klar, brauchen strenge Frauen. Und so habe ich mich wieder auf das Eigentliche konzentriert, nämlich aufs Schreiben.

Meine Lieben, ihr ewig Zweifelnden, die ihr mit meinem „Punkt zwei“ hadert – würde es helfen, zu wissen, dass John es genau so macht? Er liest sich ALLES halblaut vor. Anders, so sagt er, anders findet er die Stimme nicht. Die Erzählstimme.

Das wichtigste aber kam ganz am Anfang, der Schriftsteller quält sich auf einer weichen Matte mit Bauchmuskelübungen, stemmt Hanteln, schwitzt. Im Hintergrund trainieren jugendliche Ringer in unvorteilhaften Gewändern die immer gleichen Griffe. Wieder und wieder und wieder. Im jahrelangen harten Training, sagt Irving, habe er die Mischung aus Hingabe und Disziplin entwickelt, die er als Autor langer Romane, die wieder und wieder umgeschrieben werden, brauche. „The process of writing is a lot like practicing a sport. No one sees you doing it, no one is clapping, there is no win, there is no lose. Just repetition. A kind of drilling. And that’s where you’ll spend most of your life, a an artist or as an athlete.“ Das Schreiben und Umschreiben eines Romans dauert Jahre, das öffentliche Präsentieren wenige Monate. Und bevor man denken kann, die Lesereise, die 900 Zuschauer, die Fernsehkameras, der Applaus seien die Belohnung für jahrelange Hingabe und Disziplin, stellt Irving richtig: Es sei umgekehrt.

Der Moment in der Öffentlichkeit ist der Preis, den er für die langen, ungestörten Monate am Schreibtisch bezahlt. Die Belohnung findet er genau dort, in der Einsamkeit, der Wiederholung. „The idea that repetition, doing a small thing over and over again, is not boring, but essential….“ Doch was am Schreibtisch wirklich passiert, ist schwer zu beschreiben und noch schwerer in einem Film zu zeigen. „It’s so slow! People would fall asleep watching a writer write!“

Magdalena „march madness“ Zschokke hat es wieder getan, sie hat mich überholt. Ihr Buch ist unter dem Titel Diving the Wrecks erschienen! Meiner Meinung nach ihr Bestes
Ich gratuliere und werfe mich sogleich wieder in die Tasten. Die Vorgabe des nanowrimo hilft, wie immer. Vor allem jetzt, wo ich zwei Buddies habe, die meinen Fortschritt täglich überprüfen können.

Am Freitag zum Beispiel habe ich in Zumikon gelesen, dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, und nicht besonders glücklich. Ich war, wie viele Schriftsteller, ein seltsames Kind, ich lebte in meinen Geschichten, in meinem Kopf. Was dazu führte, dass ich oft etwas sagte, das weniger mit dem gerade real passierenden zu tun hatte als mit der Geschichte in meinem Kopf. Es war dunkel, als ich aus der Forchbahn stieg, und alles sah ganz anders aus als vor vierzig Jahren (wer hätte das gedacht!). Auf dem Heimweg traf ich eine Freundin, die ihren Geburtstag rein zufällig genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich am Stadelhofen umsteigen musste, am Würschtlistand am Bellevue feierte. Eine kurze Stunde sassen wir zwischen zwei Zügen auf den kalten Stühlen und stiessen auf den Zufall und das Leben an. Doch im letzten Zug nachhause klappte ich dann wieder den Laptop auf. Und gerade als ich beschrieb, wie sich Nevada, unterdessen mit zwei Krücken unterwegs, in eine überfüllte S-Bahn kämpft, wurde eine Frau im Rollstuhl in den Wagen gehievt.

„Wie viel Verspätung haben wir jetzt“, fragte ein Schaffner den anderen.

„6 Minuten.“ So lange hatte die Frau im Rollstuhl offenbar auf dem kalten nächtlichen Bahnsteig gewartet. Ich horchte auf, beunruhigt: machten sie die Frau etwa für die Verspätung verantwortlich? Doch der Ton war freundlich. Die Frau erklärte dem einen Schaffner, wie die faltbare Rampe einzusetzen sei, und gerade, als ich aussteigen wollte, hörte ich sie sagen: „Danke, dass Sie mich gefunden haben!“
„Nein, ich habe zu danken“, murmelte ich.

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Leser-Interaktionen

8 Kommentare

Kommentare

  1. Regula Horlacher meint

    Huch … jetzt habe ich meinen Dienstplan für den Dezember bekommen … vom 3. bis am 5. frei, vom 7. bis am 13., vom 15. bis am 16. und vom 24. bis am 30. Jetzt gibt es endgültig keine keine Ausrede mehr!
    Ich freue mich.
    :-)

  2. Regula Haus-Horlacher meint

    Eigentlich könnte ich mich am Novemberschreiben beteiligen. Den Roman wieder hervornehmen. Viele Gründe sprechen dafür:

    Ich bin jetzt im Altersheim so gut eingearbeitet, dass ich den Kopf wieder einigermassen frei hätte dafür.

    Bis Ende Jahr darf ich meine Praktikumstage als Überzeit einziehen, somit habe ich laut Dienstplan im November vom 5. bis am 7., vom 10. bis am 14., vom 17. bis am 20. und vom 24. bis am 27. frei.

    Peter ist in Schottland und Maja hat viel zu tun.

    Die Scheidung ist vorbei und der Name geändert.

    Meine Erzählung „Ein Tag in meinem Leben“, die ich für den Wettbewerb zum Jubiläum des Kantonsspitals geschrieben habe wird in die Anthologie aufgenommen, die noch vor Weihnachten erscheint, für Weihnachtsgeschenke ist also auch schon gesorgt.

    Aber bestimmt wird jemand krank, und ich muss im Altersheim einspringen …
    Oder ich werde auf einer anderen Abteilung eingesetzt, und dann ist der Kopf auf einen Schlag wieder voll ausgelastet. Mehr als voll.

    Nur – darum geht es eigentlich gar nicht, wenn ich ehrlich bin.
    Vor allem habe ich Angst.
    Angst, mich an den Schreibtisch zu setzen.
    Angst vor den erschöpfenden Schweissausbrüchen, die immer dann auftreten, wenn ein Teil meines Gehirns etwas denkt, was in einem anderen Teil Alarm auslöst, und das kommt bei diesem Roman in jedem zweiten Satz vor. Eine Tortur.

    Und schon fängt es an:
    Jammertante! Glaubst du nicht, die Leser von Milenas Blog hätten langsam genug von deinen Schweissausbrüchen? Es gibt Menschen auf der Welt, die haben HUNGER!!
    „Dini Problem wetti ä mol ha!“, sagten wir als Kinder, wenn wir besonders fies zueinander sein wollten.
    Tu doch nicht so, es gibt Schlimmeres!

    Komisch. Als ich vor ein paar Jahren zu schreiben anfing, merkte ich sofort, dass dies der Beruf ist, nachdem ich mein Leben lang gesucht und den ich nun endlich gefunden hatte. Die Affenfrage: „Was schreibst du denn da für einen Käse?“, stellte sich mir nur ganz selten. Einen Text schrieb ich einfach so lange um, bis er in meinen Augen gut genug war, dann gab ich ihn jemandem zu lesen, und dann schrieb ich ihn noch einmal um, bis auch der ihn gut genug fand.
    Trotzdem hat mein Buch, ausser bei den rund 200 Leuten, die ich mittels Flyer darauf aufmerksam gemacht habe, keine Beachtung gefunden. Geld zu verdienen ist also definitiv nicht damit. Aber das ist nicht weiter schlimm, inzwischen renne ich ja im Altersheim die fünf Treppen hoch, ohne ausser Atem zu kommen. Und wenn ich mir jetzt gleich den Rahel-Roman wieder vornehme, schaffe ich es vielleicht sogar, mich im Februar beim Kuratorium um einen Atelier-Aufenthalt zu bewerben

    „Hurra!“, schreit die Affenbande.

    • Milena MoserMilena Moser meint

      @ Regula: Hurra! schreie auch ich, mach’s, bewirb dich, schreib!! Schreib durch die Schweissausbrüche durch, und hör dir im Zweifelsfall dazu Sibylles „Feel the heat“ an. Und: Zweihundert sind mehr als keiner.

  3. Sofasophia meint

    was irwing über disziplin und belohnung sagt: genial. überhaupt, diese von dir zitierten sequenzen gehen mir unter die haut. die erzählstimme: danke für den tipp.

    ja, und die geschichte mit der frau im zug: manchmal schreibt das leben einfach noch bessere geschichten als die besten schriftstellerInnen!

    danke für diesen ermutigenden blogartikel!

    herzliche grüsse
    sofasophia

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